Wenn populäre Fernsehjournalisten zur Feder greifen und umstrittene Themen behandeln, dann sind Bestseller meist programmiert. Franz Alt ist als Fernsehreporter allseits bekannt, und der Titel seines neuesten Buches "Schilfgras statt Atom" klingt interessant. Die Widmung ("Unserem Heimatplaneten") und sein einleitender Dank an den Südwestfunk Baden-Baden "dafür, daß ich zwanzig Jahre lang das zeitkritische politische Magazin ‚Report‘ leiten und dabei viel Wissen sammeln konnte, das in diesem Buch seinen Ausdruck findet", wecken Hoffnung auf gehaltvollen Lesestoff.

Um es kurz zu fassen: Wenn es noch eines Beweises bedurfte, daß sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Leute jahrelang in leitenden Positionen tummeln können, deren analytischer Tiefgang auf jeden Flachbildschirm paßt – nun liegt er vor.

Alt benutzt den Titel "Schilfgras statt Atom" nicht, wie man vielleicht meinen könnte, als Provokation, sondern er glaubt offenkundig fest an diese Parole. Sein auf dem Acker nachwachsendes Wundermittel wirkt sogar noch viel umfassender: "Schilfgras aus Asien kann nämlich künftig Öl, Kohle, Benzin und Atomkraft ersetzen", behauptet er. Doch damit nicht genug. Aus Schilfgras ließen sich vollkommen umweltfreundlich auch Häuser und "jede Art chemische Rohstoffe herstellen".

Wer bei soviel Alchemie zweifelt, daß man Schilfgras "sogar für Karosseriebleche" verwenden könne, der wird von einem Vertreter der Firma "Hotzenblitz-Automobilien" (sie) aus Sankt Blasien im Schwarzwald aufgeklärt. Dort "baut ein Team von Autodesignern und Ingenieuren ein neuartiges Ökoauto". Aus diesem erlauchten Kreise meldete sich ein Herr namens Thomas Albietz, aufgerüttelt von einer Altschen "Report"-Sendung über Schilfgras, und bekundete, er werde aus Schilf Autoteile herstellen. Nicht nur Innenteile wie Sitze und Armaturenbrett, sondern auch "die Außenverkleidung, also Kotflügel, Türteile und die Rückfront". Denn im Ökoauto wollten sie "nur abbaubares Material verwenden, das voll in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden kann". Die Frage, ob die Insassen des Ökoautos bei Unfällen ebenfalls voll in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden, bleibt ungeklärt.

Glauben versetzt Berge, und solchermaßen gestärkt stellt Franz Alt die Naturwissenschaft auf den Kopf. Ihm fällt zwar selbst auf, daß gleichzeitige Prognosen von Heiß- und Eiszeiten für Deutschland einen Widerspruch darstellen. Aber statt nachzuhaken, wählt er zielsicher extreme Daten aus, um Katastrophen an die Wand zu malen. Zuerst steigen die Temperaturen bis zum Jahr 2030 um zwei bis sieben Grad, dann erwischt uns schlagartig die Eiszeit, weil der Golfstrom versiegt. "Das Fachblatt Ocean 99 rechnet mit der neuen Eiszeit in fünfzig Jahren. Eiszeit in Norddeutschland und Heißzeit in Süddeutschland?" fragt er und konstatiert: "Das bisherige Gleichgewicht der Natur scheint auf jeden Fall gefährdet."

Politik, Wissenschaft und Technik seien eine "unheilige Allianz zur Zerstörung der Natur eingegangen", lautet seine These, und immer wieder zieht er Parallelen zu den Nazis. Alt kann sich leicht vorstellen, daß als Retter vor dem drohenden Ökozid plötzlich ein "grüner Adolf Hitler" auftaucht. Vor all dem Horror gibt es jedoch eine Rettung: Sein Schilfgras-Konzept. Es "ermöglicht den vielleicht letzten Ausweg aus der ökologischen Endkatastrophe."

Zweifellos ist das von Alt propagierte China-Schilfgras ein interessanter nachwachsender Rohstoff von verhältnismäßig hoher Ertragkraft. Doch ein Ersatz von Atomkraft, Öl und Kohle wäre selbst dann nicht zu erreichen, wenn man die gesamte landwirtschaftliche Fläche Deutschlands für den Anbau dieses haushohen Grases nutzte. Völlig zu Recht kritisieren Umweltschützer, daß mit der Schilfgras-Wirtschaft im großen Stil eine auf maximalen Ertrag getrimmte Landwirtschaft entstünde, die im übrigen auf stete Bewässerung, Dünger und Pestizide angewiesen ist.