Jeder Versicherungspolice folgt das Kleingedruckte. An diese bewährte Zweiteilung hat sich Wallace Stevens – im Brotberuf Direktor einer amerikanischen Assekuranz – auch in seinem poetischen Doppelleben gehalten. Seine Gedichte sichern ihm einen Platz in der Ruhmeshalle der Moderne direkt neben T.S. Eliot, Robert Frost und William Carlos Williams. Die beigehefteten literaturtheoretischen Kommentare, Kautelen und Kundenbelehrungen aber sind mit Vorsicht zu genießen.

Das gilt insbesondere für die jetzt in einer – nicht immer glücklichen – Übersetzung vorliegenden „Adagia“, die Stevens zwischen 1934 und 1940 zu Papier gebracht hat. Es handelt sich dabei um Gedankenstenogramme, Notizen und Notate wie aus einer endlosen Kette von Vorstandssitzungen. Bemerkenswertes wird mitgeschrieben, etwa: „Der Dichter verkörpert den Geist bei dem Versuch, uns vor sich selbst zu schützen“, oder: „Der endgültige Glaube besteht darin, an eine Fiktion zu glauben, von der man weiß, daß es eine Fiktion ist, weil es sonst nichts gibt.“ Dazwischen aber macht sich viel zuviel Gutgemeintes und Bemühtes breit, gibt eine im Nadelstreifen der Seriosität auftretende Gedankenarmut ihre gewichtigen Statements ab, bis zu vorgerückter Stunde nur noch die Hohlköpfigkeit das Sagen hat. Sie tarnt sich lakonisch und beglückt uns mit Einsichten wie: „Wir mögen die Welt, weil wir es nun mal tun“, oder: „Ein Gedicht ist ein Kaffee (Wiederbelebung).“ Nach dreißig Seiten, und das ist das schönste an den „Adagia“, ist die Tasse leer. Ulrich Horstmann

  • Wallace Stevens:

Adagia

Aus dem Amerikanischen von Karin Graf und Joachim Sartorius; Residenz Verlag, Salzburg/Wien 1992; 31 S., 18,– DM