Von Fritz J. Raddatz

Kann man eine Reise in die vergangene Zeit machen, die zugleich eine in die Zukunft ist? Eigentlich nicht. Aber ein Besuch bei ehemaligen DDR-Verlagen, Gespräche mit den neuen Besitzern und alten Mitarbeitern gleichen einer solchen seltsamen Touristik-Choreographie. Das Alte ist das Alte nicht mehr, und das Neue ist das Neue noch nicht.

Ad oculos demonstriert wird das dem Besucher im noblen Haus des Aufbau-Verlags, gleich hinter der Staatsoper: holzverkleidete Wände, Teppiche, elegante Sitzgarnituren, bronzene Autorenbüsten, in den Regalen die beeindruckenden Werk- und Gesamtausgaben, ob Thomas Mann oder Lermontow, Anna Seghers oder Storm; demnächst – erzählte vor Wochen Verlagschef Elmar Faber mit trotzigem Stolz – ist das auch für Johannes R. Becher und Arnold Zweig geplant.

Aber kann man noch planen? Der Verlag macht mit einer Produktion von 180 Titeln (davon 80 Taschenbücher) für 1992, verantwortet von 40 Mitarbeitern, und einem Jahresumsatz von 10 Millionen Mark große Verluste; auch Erfolge wie die 15 000 verkauften Exemplare von Hermann Kants „Abspann“ oder 50 000 des dritten Bandes von Erwin Strittmatters „Der Laden“ können das nicht auffangen. Der Markt in den neuen Bundesländern ist praktisch zusammengebrochen, die Buchhandlungen von ehemals 1000 um die Hälfte auf 500 dezimiert, und die Menschen in Rostock oder Dresden haben wohl andere Sorgen, als einen Roman für vierzig Mark zu kaufen. Im westdeutschen Buchhandel sind Aufbau-Bücher (eher wahllos sortiert) in 1500 Läden zu finden – es müßte die Produktion aber bei 2500 Sortimentern zu finden sein. Angesichts dieser Bedrängnis wirken manche Gesten unangebracht luxuriös – ob das feine Reklamefeuerzeug, das man bei Volk & Welt verschenkt; ob die 35 000 Mark Monatsmiete, die man bei Aufbau zahlt (das Haus in der Französischen Straße wurde von der Treuhand verkauft, die Miete geht an eine Verwaltung); ob bei einem anderen Verlag der verblüffende Satz „Wir schicken Ihnen einen Wagen zum Flugplatz“ – undenkbar bei Rowohlt oder S. Fischer.

Aufbau hatte Glück mit seinem Käufer – der neue Inhaber (der noch heute über die unmögliche Verhandlungsführung bei der Treuhand stöhnt) ist nicht nur ein reicher Baulöwe, sondern ein gebildeter Büchernarr, der in seiner Freude, das rasch verdiente Geld nicht mit Champagner und Maserati in St. Tropez zu verplempern, sondern „etwas Sinnvolles zu machen“, gleich noch die Weltbühne dazugekauft hat. Die hat zwar in den neuen Ländern kaum Zuwachs und verkauft von der 15 000-Wochenauflage nur 15 bis 20 Prozent in Westdeutschland – aber ungerührt erklärt Bernd Lunkewitz, wieviel Spaß er „angesichts der langweiligen ZEIT, der schlechtgelaunten FR und der scheußlichen FAZ“ daran habe, mit dem Erbe Ossietzkys und Tucholskys etwas linke Unruhe in die westliche Feuilleton-Behaglichkeit zu bringen. Verluste schrecken ihn nicht, auch wenn er das Taschenbuch-Experiment seines Verlages sorgenvoller sieht als Ex-„Kapitän“ Faber („Ich bin der Reeder – er ist der Kapitän“) und sich ein anderes Domizil durchaus vorstellen kann. Er sieht sich nicht als Mäzen, will eines Tages auch Gewinne sehen – Faber noch kürzlich: „Das Geld von Lunkewitz wird bei Verlagsgewinnen nicht an ihn zurückgezahlt“ –, aber steht gerade für einen Finanzbedarf von 10 Millionen Mark, eine Arbeitsplatzgarantie für 30 Mitarbeiter und einen Zeitplan bis zu vier Jahren. Was wird, wenn man dann – „Ich bin eher für rot, aber bei Zahlen liebe ich schwarz“ – immer noch Verluste macht? Lunkewitz hat zwar ein Büro im Verlag und sagt, wenn man ihn in Frankfurt unpassend telephonisch aufstöbert, „Für den Aufbau-Verlag unterbreche ich jede Banker-Sitzung“, aber auch ein Reeder müsse eingreifen, wenn er sieht, das Schiff treibe auf einen Eisberg zu ...

Die Tinte auf dem Papier für diesen Bericht war noch nicht trocken, da hatte der Reeder den Kapitän auch schon geschaßt: Mit Wirkung vom 8. September wurde Elmar Faber „aufgrund unüberbrückbarer Differenzen bei der strategischen Unternehmensführung“ von seinem Posten entbunden; das ließe sich auch nüchterner ausdrücken, wenn man vom Defizit in zweistelliger Millionenhöhe weiß. „Ach, zum Teufel die Bilanzen“ hieß das Motto eines Verlegergesprächs, bei dem sich Lunkewitz noch im Sommer gemeinsam mit Faber vorstellte. Jetzt ist Herbst ...

Nicht sehr frohgemut sehen die Gesichter bei Henschel aus. Das Haus gegenüber der im Wiederaufbau begriffenen Synagoge (mit leider zu golden protzenden Kuppeln) in der Oranienburger Ecke Tucholsky-Straße gleicht einer Rumpelkammer. Der Buchverlag ist bankrott und hat Konkurs angemeldet. Der im Mai 1990 (also vor der Währungsunion) nach dem Modell des Verlags der Autoren gegründete Theaterverlag Henschel Schauspiel balanciert nicht nur metaphorisch auf wackligen Stühlen. Geschäftsführer Andreas Leusink, ein sympathisch Literaturversessener, „residiert“ in einem Kämmerchen zwischen Photos vom jungen Gérard Philipe und dem alten Athol Fugard – „Wir haben einen Prozeß mit der Treuhand“ –, aber er strahlt Optimismus aus; vielleicht weil er zwar keinen millionenschweren Baumakler hinter sich hat, aber – als Gesellschafter, jeder Gesellschafter hat eine Stimme – 77 Autoren von Rang, unter anderen Helmut Baierl, Peter Brasch, Volker Braun, Fritz Rudolf Fries, Christoph Hein, Manfred Karge, Rainer Kirsch, Uwe Kolbe, Heiner Müller, B.K. Tragelehn.