Den scharfen Bick für verträumte Motive beweist der 1894 in Ungarn geborene Gutsbesitzersohn André Kertész schon im Ersten Weltkrieg, in den er mit der Kamera im Tornister zieht und aus dem er schwer verwundet zurückkommt. Ohne Orden zwar, dafür aber mit einem letzten Preis ausgezeichnet für sein Selbstportrait „An der Front, beim Läuseknacken“.

1925, als es ihm in Budapest an inspirierender Atmosphäre zu fehlen beginnt, geht Kertész nach Paris. Dort, im „Café du Dome“, trifft er eine große ungarische Künstlergemeinde. Er spricht kaum Französisch und schlendert wie ein Tourist durch die Stadt. Er kommt, sieht und photographiert. Mit seinem Augen-Blick entdeckt Kertész außergewöhnliche Alltäglichkeiten, die in diesem Bildband festgehalten wurden.

Ein Jahr nach seiner Ankunft in Paris beginnt Kertész mit einer Leica zu arbeiten. Die Leitz-Camera hat bereits einen Film-Vorrat von 36 Aufnahmen. Das ermöglicht ihm Sequenzen, Momentaufnahmen von Motiven aus verschiedenen Blickwinkeln in kurzen Zeitabständen. So kommt Bewegung in die Bilder. Der Augenblick zählt, erzählt. Es entstehen Kleinst-Reportagen ohne Worte. 1927 hat Kertész seine erste Ausstellung in der Galerie Sacre du Printemps. Er wird bekannt und ist bald auch ein gefragter Portraitist. Hochsensibel das Photo seines taubstummen Freundes, des Malers Lajos Tihanyi. Man sieht den Zigarettenrauch aus dessen Mund quellen, als ob es ein Wortschwall sei. Der Hintergrund des Bildes bleibt verschwommen, wie die Welt der Taubstummen.

Kertész liebt und sieht Paris poetisch. Immer wieder sind es die Fenster, die seine Aufmerksamkeit auf das Objekt lenken. Die Straße vor seinem Hotelfenster, die Dächer der Stadt, gesehen durch ein großes Loch in einer Scheibe oder eine ganze Fensterfront. Seine Aufnahmen sind selbst wie Fenster, durch die der Betrachter die Möglichkeit zum Durchblick erhält.

Seinen Lebensunterhalt verdient Kertész mit Aufträgen für verschiedene Magazine. Er trifft Kurt Tucholsky, und sie verabreden eine Zusammenarbeit für die Weltbühne. Als sich Anfang der dreißiger Jahre das politische Klima verschärft, sind seine Photos nicht mehr Dekor, sie werden Dokumente.

Die amerikanische Agentur Keystone bietet André Kertész 1936 einen Jahresvertrag für die USA an. Er geht nach New York. In Europa braut sich der Zweite Weltkrieg zusammen. Zwar bekommt er einige Werbeaufträge, als Künstler jedoch bleibt er unverstanden. Als 1984, ein Jahr vor seinem Tod, in Frankreich seine verloren geglaubten Negative aus den Jahren 1925 bis 1936 wiedergefunden werden, schenkt er sein Werk dem französischen Staat.

Der Schriftsteller Hervé Guibert hat Kertész einmal den „Erfinder des Photojournalismus“ genannt. Die Surrealisten wollten ihn für sich vereinnahmen, ebenso die Realisten und die Impressionisten. Kertész selbst meinte dazu lakonisch: „Ich bin ein Amateur und beabsichtige, mein ganzes Leben ein Amateur zu bleiben.“