Jahrzehnte sind vergangen seit Lili Marleen. Der Platz vor der Kaserne, neben der Laterne: leer. Die (Animier-)Dame heißt jetzt Anastasia, Kosename „Stasi“, und arbeitet als Soldatenhure im Puff um die Ecke.

In welchem Winkel der Welt diese Ecke liegt, erklärt uns bei der Uraufführung von Werner Fritschs „Fleischwolf“ im alten Malersaal des Bonner Schauspiels die Bühnenbildnerin Maren Christensen mit einem seit Spielzeiten erprobten Farbenrätsel. Die Wand des Puffs, des „National“, ist schwarz, der Boden halb rot und halb gelb wie gold. Werner Fritschs Bordelldrama ist also auch ein Deutschlanddrama, was uns die Bühnenbildnerin in ihrer Eigenschaft als Kostümbildnerin noch einmal bestätigt: Der Besitzer des „National“, der Zuhälter Erich, trägt zu Hosen aus schwarzem Leder rote Hosenträger und ein Goldkettchen über seiner Machobrust.

Fritsch nennt sein Stück ein „Gefecht“. Die Söldner des Hasses und die Söldner der Liebe führen im „National“ einen Krieg unter der Gürtellinie. Auf dem Schlachtfeld: gefallene Damen. Piff! Paff! Puff! Um Fleisch müßte es gehen, um nacktes, und um die Lust der Soldaten, Wölfe zu sein. Aber Jaroslav Chundela, als Regisseur ein Sedativ, plaziert Fritschs Personen auf der Bühne, als ob er selbst im „National“ Geschäftsführer wäre. Links nehmen an einem Tisch vier Gefreite der Bundeswehr Platz, rechts außen zwei Veteranen der Wehrmacht, in der Mitte zwei Unteroffiziere, und an der Bar mit Erich Anastasia, die früher als Krankenschwester gearbeitet hat, und Puppe, die von Indien träumt. Ensemble angetreten: zu einer Talk-Show aus der Oberpfalz von Werner Fritsch, zu Stammtischgesprächen und sexuellem Jägerlatein. Zoten werden aufgereiht wie Perlen an einem Samenfaden. Es wird verbal gehurt, „niederfickt“ und „abgefurzt“. „Meine Alte läßt sich von Parisern überhaupt nicht“, gesteht der Gefreite I. „Zipfelmützen sind Rassenschande. Mit einem Nahkampfsocken aufbocken, das ist genauso, wie wenn ich zum wichsen Handschuh anzieh.“ Starke Sprüche. Heinold, einer aus der Geschäftsleitung, berichtet von einem Emanzenüberfall auf eine Peep-Show in Frankfurt: „Alle Wichser in den Mixer!“ Es wird gerauft und gesoffen, und ein Veteran sagt: „Untertags Krieg führen und nachts beim Feind liegen. Das ist die Ehe.“

Das ist der erste Akt. Es ist jetzt im Theater wie sonst im Wirtshaus: Stammtische sind langweilig. Nur weil sie laut sind, dramatisch sind sie deshalb noch lange nicht. Ab und zu eine kleine Schlägerei, ein Betrunkener und eine Watschen für die Bedienung – das ist noch längst kein Theater.

Das „National“ hat ein Vorbild in Bayerns Oberpfalz, wo Werner Fritsch auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Es ist ein Puff am Ende der Welt, irgendwo zwischen Weiden, Schwandorf und dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Fritsch hat zugehört und mitgeschrieben, auch während seiner Dienstzeit beim Bund. Notizen über eine Männerwelt aus Alkohol und Sperma, Obrigkeit und Platzpatronen. „Frei“ kommt in dieser Welt nur noch in Wörtern wie Gefreiter oder Freier vor. Der Krieg als erotische Vision gehemmter Vandalen, ein Happening statt einer Talk-Show aus der Oberpfalz – das hätte „Fleischwolf“ werden können.

Ein „Gefecht“ ist der Text sowieso nicht, sondern ein Vorspiel. Ein ständiges Vorspiel, aus dem jederzeit ein Stück werden kann. Aber Fritsch präsentiert die verbalen Handfeuerwaffen seiner Personen wie einen unheimlichen Soziolekt. Es ist sein fast akademisches Interesse, das diesem Stück das Blut raubt. Mit langem Finger zeigt Fritsch auf eine weit entfernte Landschaft. Aus dem Deutschlanddrama wird eine Provinzposse, deren Akteure immer besoffener und damit lächerlicher werden. Aber ist das Kriegsgeheul eine Besonderheit Oberpfälzer Zuhälter? Grafenwöhr, wo ist dein Schrecken, verglichen, zum Beispiel, mit dem nüchternen Schrecken der Intellektuellen-Plädoyers für den Golfkrieg?

Zweiter und letzter Akt Es geht so weiter. „Du, da warst du noch in Abrahams Wurschtkessel... und hast noch kein Hirn gehabt und nichts, haben wir zwei schon arschgefickt“, sagt der Zuhälter zum Unteroffizier und umarmt seinen Geschäftsführer. Die Gefreiten werden in den Reservistenstand entlassen und krakeelen (und die Schauspieler beginnen sich in ihre Rollen einzuschreien). Diese Zeit nutzt Werner Fritsch, rasch noch alles unterzubringen, was in ein kritisches Theaterstück zum Thema „Piff, paff, puff“ gehört: eine Asylantin als Prostituierte, Aids-Angst, Erzählungen über Manöverunfälle, alte und junge Nazis und KZ-Visionen.