Von Hajo Steinert

Ein Schriftsteller in Berlin. Eigentlich wollte er eine Weltreise machen. Doch angesichts der Vielvölkerei und Ansammlung von Schwarzhändlern, Dealern, Junkies, Huren, Bettlern und Pennern am Bahnhof Zoo beschließt er: Hier ist das Herz der Welt, hier bleib’ ich, hier schreib’ ich.

Im Pressecafé schräg gegenüber trifft er einen russischen Taxifahrer. Fünf Jahre ist der erst in Berlin, doch seine Kontakte zur Szene sind phänomenal. Vor allem am Kurfürstendamm kennt er sich aus. Gerade recht für einen Schriftsteller, der eine literarische O-Ton-Reportage über das Straßenleben in Berlin verfassen will. Strotzen soll sie vor Berliner Schnauzen, ganz gleich, ob Dame oder Dieb, Hure oder Händler. Eine Liebeserklärung soll sie sein, eine Hommage an die Verlorenen und Vergessenen in der Stadt. Also machen sich die beiden Männer auf den Weg.

In einem dunklen Hotel, links ab vom Ku’damm, in der Meinekestraße, nimmt sich der Schriftsteller ein Zimmer. Nebenan haust ein Transvestit. Eine Freundschaft beginnt...

Doch lassen wir die beiden allein. Vergessen wir die Geschichte. Sie ist ohnehin nur erlogen. Eine Irre-Führung des Kritikers. Solche Bücher werden in Deutschland nicht geschrieben. Und was macht der auf pralle Großstadt-Storys erpichte Leser dann? – Richtig. Er sucht sich einen Amerikaner aus. Drüben gibt es sie ja noch, Schriftsteller, die wirkliche Abenteurer sind und ihre Abenteuer buchstäblich vor der Haustüre finden.

Nik Cohn ist so einer. 1969 kam der gebürtige Ire, passionierte Cricketspieler und gelernte Discjockey von London nach New York. Dreiundzwanzig war er da, und seine ersten Bücher waren schon erschienen. "Market" hieß das Debüt, eine Sammlung mit Charakterstudien über verschiedene Straßenhändler. Der Daily Telegraph verglich den Youngster mit Zola. Ohne daß Cohn es wußte, war er die englische Ausgabe von Tom Wolfe, dem Erfinder des new journalism.

Fortan machte sich Nik Cohn als "Speedschreiber des Pop" einen Namen. Seine definitive Chronik der Rockmusik bis Ende der sechziger Jahre erschien auch in Deutschland: "A Wop Bop a Loo Bop a Lop Bam Boom". Später dann auch "Rock Dreams".