Neu ist er nicht, dieser Kroetz-Achternbusch-Sperr-Ton, der das unbeholfene Pathos und vulgäre Gestammel schlichter Gemüter vom Lande zu einem synthetischen, dialektgefärbten Wortsalat mixt. Zersprengte Syntax, ungehemmter Redefluß und ein der sprunghaften Assoziation nachgebildeter Erzählgestus sollen dem ungebremsten Drauflosschwadronieren einen spröden poetischen Reiz abgewinnen. Eine literarische Verfremdungstechnik von inzwischen etwas angestaubter Modernität.

Schon in seinem vielbeachteten Prosadebüt „Cherubim“ (1987) hatte der oberpfälzische Autor Werner Fritsch (Jahrgang 1960) stilisierte Originaltöne verarbeitet. Er ließ den 80jährigen Bauernknecht Wenzel in Geschichten, Träumen und Hirngespinsten aus seinem Leben erzählen, das er vom Jahrhundertanfang über die Nazijahre bis in die Nachkriegszeit als naiver und schlitzohriger Simplicius in dumpfer provinzieller Enge verbracht hat.

In Fritschs neuem Prosastück „Sense“ ist es der Luck genannte alte Bauer Lukas aus dem bayrisch-tschechischen Grenzland, der in hitzigen atemlosen Monologtiraden seinem aufgestauten Haß auf alles in der Welt Luft macht. „Der Luck ist seit dem Krieg ein radikaler Hund“, heißt es.Landsererfahrungen in der Ukraine und Greuelerlebnisse in sowjetischen Gefangenenlagern in Kasachstan haben ihn mit einem Haß-Trauma gezeichnet. Und jetzt, da man ihm seinen geliebten Rex, einen deutschen Schäferhund („mit Stammbäum und grüner Plakette“) umgebracht hat, sieht Luck rot. Kapituliert hat er zuletzt im Krieg, doch jetzt ist für ihn endgültig „Sense“. Als gnadenloser rachedurstiger Prophet („Ich bin kommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden“, Lukas 12, 49) reitet er eine apokalyptische Verbalattacke gegen die Verderbnis der Welt, die nur an deutschem Wesen wieder genesen kann: „Muß wieder ein Krieg kommen daß der Deutsche sieht was Bauernzeug für einen Wert hat ... Eine neue Gestapo muß her. Nur eine neue Gestapo wird über das Terroristengefotz Herr ...“

Alle Menetekel drohender Katastrophen und Zerstörungen hat Luck auf Lager, vom Ozonloch über das Waldsterben bis zum Golfkrieg und Tschernobyl (der eigene Sohn verdient „ein Schweinegeld“ als Angestellter beim Atomkraft-Konzern Alkem Nukem): „Hätten wir den Krieg gewonnen gäb es die sichersten Atomreaktoren auf der Welt...“ Nun aber, unter der miesen Regierung von „Schwarzkohl, der zwar im Krieg war aber Gott und der Welt ins Kreuz kriecht“, bleibt nur das die Selbstzerstörung nicht ausschließende Rache- und Fegefeuer, die Kriegserklärung gegen die Amis, den Iwan und die „Tschechenteufel, die ihr gesamtes Atomzeug an die Grenze bauen kruzifix daß wir den Scheißdreck wo herumfliegen tut in der Luft das Atom allweil einschnaufen.“

Werner Fritsch hat ein Stück in beeindruckender Rollenprosa geschrieben, das an Intensität als Monolog auf der Bühne noch gewinnen wird. Störend in dieser bösen und komischen Suada sind mystifizierende Pseudolyrismen, die aus dem Mund des alten Lukas unglaubhaft wirken: „Der Pfarrer sagt Gott ist im Totenkopf der Welt der einzige Augapfel.“

Dennoch: Auf sprachlich virtuose Weise gelingt es Fritsch, die hellsichtigen und zugleich verblendeten Untergangsvisionen des Bauern so zu übersteigern, daß sich in ihnen die gefährliche Banalität und der ungehindert fortlebende Größenwahn des deutschen Faschismus selbst entlarven: „Nur wir Deutschen wir scheißen einen anderen Dreck aber die anderen die sind schon Dreck.“

Paul Kersten