Dieses Buch erweckt mit seinem Titel ganz bestimmte Leseerwartungen vulgärfeministischer Richtung: Wird hier endgültig Schluß gemacht mit dem jahrhundertealten Vorurteil, Frauen seien mathematisch weniger begabt als Männer? Nach der Lektüre aber müßte klar sein: Wer so fragt, hat von dem Problem wenig begriffen. Es geht nicht um naturbedingte Begabungsverteilungen zwischen den Geschlechtern, sondern um eine von ganz verschiedenen Faktoren bestimmte Beziehung. Viele davon – längst nicht alle – werden in den Aufsätzen dieses Sammelbandes zur Sprache gebracht. Die Schulen zum Beispiel, die immer noch nicht berücksichtigen, daß Mädchen mit der Mathematik methodisch anders umgehen als Jungen und deshalb in einem Unterricht, der am Verhalten und Denken der Jungen ausgerichtet ist, benachteiligt sind. Oder die Lehrer, die genau wie die Eltern und diese Gesellschaft überhaupt, meist unbewußt, immer noch nach der „klassischen“ Rollenverteilung handeln, indem sie Jungen eher ermutigen und Mädchen eher dämpfen. Dieses Grundschema setzt sich bis in die Spitze der Hochschulen fort. Und hier wird es dann durch den Konkurrenzkampf um Stellen und Ehren verschärft.

All dies sind nicht unbedingt neue Erkenntnisse, sie treffen auch auf andere Bereiche der Wissenschaft zu, die nach und nach von Frauen „erobert“ werden. Vieles aber wird im Bereich der Mathematik deutlicher oder ist überhaupt nur hier meßbar. So kommt der Beitrag der Tübinger Psychologin Aiga Stapf über mathematische Hochbegabungen zu dem Ergebnis, daß im Bereich der Höchstleistungen die Jungen den Mädchen überlegen sind – nicht durch mehr Intelligenz, sondern weil sie weniger erfolgsabhängig und kritikempfindlich sind. Mädchen scheinen in stärkerem Maße als Jungen von hemmenden Umweltbedingungen beeinflußt zu werden. Im Rahmen der Begabungsforschung stellen sie damit eine Risikogruppe dar, und die Autorin folgert, „daß mathematisch hochbegabte Mädchen in ihrer Selbstverwirklichung stärker gefährdet sind, d. h. daß sie nicht glücklich sind“.

Wie das Fallbeispiel zu dieser Studie erscheint da der im Band enthaltene Beitrag von Almut Zwölfer über die geniale russische Mathematikerin Sonja Kowalevskaya, der es nach unendlichen Mühen schließlich gelang, 1883 eine außerordentliche und 1889 eine ordentliche Professur in Stockholm zu bekommen. Sie war die erste Mathematik-Professorin überhaupt – und eine Frau, die von ihrer Zeit dazu verurteilt wurde, mit ihrer ungewöhnlichen Begabung wie mit einer schweren Behinderung zu leben. Noch 1907, acht Jahre nach dem Tod von Sonja Kowalevskaya, schrieb P. J. Moebius in seinem Buch „Über die Anlage zur Mathematik“: „In gewissem Sinne kann man sagen, das Mathematische ist der Gegensatz des Weiblichen. Möchte dieses in grenzenlosen Gefühlen verschwimmen, so gipfelt männliche Klarheit in der Exactheit, d. h. dem Zahlenmäßigen ... Gelehrte und künstlerische Frauen sind das Ergebnis der Entartung. Nur durch Abweichung von der Art, durch krankhafte Veränderung kann’das Weib andere Talente als die zur Geliebten und Mutter befähigenden erwerben.“

Einerseits mag es ein Trost sein, daß Frauen heute nicht mehr gegen derartigen Gelehrten-Schwachsinn kämpfen müssen. Auf der anderen Seite macht der Band deutlich, wieviel schwieriger es ist, im Zeitalter offizieller Gleichberechtigung den verborgenen Benachteiligungen auf die Spur zu kommen – etwa dem immer noch vorherrschenden Vater-Mutter-Kindchen-Muster in den Schulbüchern. Ob dem allerdings mit den Anregungen für bessere Unterrichtsmaterialien beizukommen ist, die im Buch vorgeschlagen werden, bleibt denn doch fraglich.

Die Autorin Gertrud Effe-Stumpf schlägt zum Beispiel folgende lebensnahe Rechenaufgabe vor: „Vorlage: ein Zeitungsartikel. Frauen beherrschen den Berliner Senat: acht Senatorinnen in Regierungsmannschaft. Mögliche Aufgabenstellung: a) Suche in dem Zeitungsartikel die Angabe, wie viele Senatorinnen und wie viele Senatoren Walter Momper in seiner Regierungsmann(frau)schaft zählen kann! b) Berechne die prozentuale Angabe! (auf zwei Stellen hinterm Komma).“ Immerhin – der Leser ist dankbar für ein wenig Komik, mag sie auch unfreiwillig sein. Denn nahezu alle Beiträge des Buches kommen staubtrocken daher, in einer derart verwissenschaftlichen Un-Sprache, daß es so manchen Neugierigen bald wieder vergraulen könnte. Besonders der Beitrag mit dem doch so vielversprechenden Titel „Damenwissenschaften in der französischen Aufklärung“ ist – ordentlich gegliedert, brav befußnotet und bieder getextet – so langweilig, daß er – soviel Feminismus sei bei dem Thema erlaubt – glatt von einem Mann geschrieben sein könnte. Aber es geht um die Sache, und die ist in diesem Sammelband insgesamt sachlich und fachlich kompetent verfochten.

Sabine Etzold

  • Annette Grabosch und Almut Zwölfer (Hrsg.):

Frauen und Mathematik Die allmähliche Rückeroberung der Normalität?; Attempto Verlag, Tübingen 1992; 245 S., 29,80 DM