Von Barbara Beuys

Die kahlgeschorene Jugend trank auf dem Bahnhofsvorplatz Bier, auf der Universitätswiese stieg ein bronzenes Niedersachsenroß vom parolenbeschmierten Sockel in den blauen Herbsthimmel. Im Rücken eine Kombination aus Kühlhalle und Burg Stolzenfels – das pseudoromanische Hauptgebäude der Universität Hannover. Wer über die Wandeltreppe den steilen Weg zur Wissenschaft hinter sich gebracht hatte, landete im freundlich-hellen, wuseligen Lichthof. Hier fand eine wissenschaftliche Buchmesse im kleinen statt, gut präsentiert und zahlreich frequentiert. Wer nach stundenlangem Sitzen eine Pause von den hölzernen Klappstühlen brauchte, konnte sich hier mit Gewinn die Beine vertreten.

Aber nicht zu lange, denn Sitzfleisch ist vonnöten, wenn die deutschen Historiker ihren Verbandstag abhalten, diesmal vom 23. bis 26. September in Hannover. „Europa – Einheit und Vielfalt“ hieß das Leitmotiv. Die farbenfrohe mittelalterliche Weltkarte aus dem niedersächsischen Kloster Ebstorf ziert das Programmverzeichnis – nein, dem Zeitgeist nachgelaufen war die Historikerzunft keineswegs bei ihrem 39. Treffen seit 1945 und dem ersten gesamtdeutschen.

Das Rückgrat der Tagung sind die über 300 Vorlesungen. Sie sollen innerhalb des vorgegebenen Rahmens den Interessenten eine breite Palette bieten. Doch ein Thema dominierte quer durch die Jahrhunderte die Gesellschaften und geopolitischen Räume: das Spannungsfeld zwischen Anpassung und Integration auf der einen und der Absicherung von Identität auf der anderen Seite. Nietzsches böse Frage nach dem „Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ fand in Hannover eine eindeutige Antwort, wenngleich nicht im Sinne des Autors.

Was stiftet Identität? Was treibt zur Anpassung? Höchst Unterschiedliches lautet die unbequeme und zugleich ermutigende Antwort der Historiker: Auf den abgelegenen Färöer-Inseln traf sich am 26. Dezember 1888 eine kleine Schar im Haus der Volksvertretung und gründete einen Verein, damit „alle Färinger zusammenstehen und ihre Angelegenheit so weit entwickeln, daß sie größeres Selbstvertrauen erlangen“. Diese „Weihnachtsversammlung“ war die Geburtsstunde einer bewußt konstruierten nationalen Identität, die auf die regionalen Unterschiede der einzelnen Inseln keine Rücksicht nahm – um desto entschiedener der dänischen Kolonialmacht gegenüberzutreten.

Im hansischen Städtebund fanden sich höchst verschiedene Städtegruppen zwischen Westfalen und Livland zusammen. Als es ihnen nicht mehr gelang, das Gleichgewicht zwischen den vielfältigen Identitäten der Partner und den einheitlichen, europaweiten Aktionen zu halten, zerfiel das Bündnis. Die Entstehung einer nationalen Identität im Einwandererland USA im 17. und 18. Jahrhundert fußte nicht auf ethischen oder kulturellen Gemeinsamkeiten, sondern auf dem Naturrecht. Doch es folgte im 19. und 20. Jahrhundert eine sehr handfeste Komponente: der Konsum und der Glaube an die Kraft des Marktes.

Die Weißen in Algerien, die sich während des Ersten Weltkrieges nicht laut genug mit dem Mutterland Frankreich identifizieren konnten, taten das nicht so sehr aus moralischem Impetus. Diese enge Bindung erlaubte es ihnen weiterhin, ihre Privilegien gegenüber der einheimischen Bevölkerung zu legitimieren. Fast ein umgekehrter Fall: Die Bundesrepublik Deutschland schien am Ausgang der fünfziger Jahre in eine Identitätskrise zu geraten: „Halbstarke“ Jugendliche, vor allem aus dem Arbeitermilieu, protestierten mit einer provozierenden Amerikanisierung in Kleidung, Musik und Lebensart gegen die Ideale der Vätergeneration.