Von Barbara Sichtermann

Kunstlosigkeit, wo sie Eindruck macht, ist immer einer ausgekochten Strategie verdächtig: daß sie nur zum Schein auf eine Reflexion ihrer Mittel verzichte und, während sie den Leser im Glauben wiegt, er genieße ein naiv dahererzähltes Stück zufällig aufgeschriebener mündlicher Prosa, ein ausgetüfteltes Kalkül überplaudere, das bloß nicht in Erscheinung tritt. Die Frische und die Kraft, die unmittelbar und unkontrolliert wirken, sind in Wahrheit Inszenierungen, die ein kluger Autor gründlich probt, bevor er sie als scheinbare Augenblickseinfälle einem getäuschten, aber begeisterten Publikum offeriert. Es versteht sich, daß, wenn die amerikanischen Schriftsteller der jüngeren Generation ihre Unbeschwertheit, Gradlinigkeit und Sicherheit nur spielen, anstatt über sie – beim und vorm Schreiben – wirklich zu verfügen, uns das egal sein kann, denn auf die Wirkung kommt es an.

Ob T. Coraghessan Boyle sein „East is East“ in einem einzigen Schwung und Schwall in die Schatzkammer der Literatur seines Landes reingeschüttet oder ob er zuvor eine Konstruktion ersonnen, durchprobiert und ausgefeilt hat, muß uns nicht kümmern. Wenn Skrupel, Kämpfe und Stockungen seine Arbeit begleitet haben sollten, sind sie jedenfalls dem Werk nicht mehr anzumerken. „Der Samurai von Savannah“ ist auf der Welt, als sei er völlig mühelos hineingerauscht, ja als sei er immer schon dagewesen. Diese (scheinbare?) Freiheit von den Sorgen und Lasten einer literarischen Tradition mit ihren Anmutungen und Imperativen und – vor allem – ihren Vorbehalten und Tabus („So kann man heute nicht mehr erzählen“) macht das arme, alte, zittrige Europa ganz schön neidisch. Ja, der blanke Neid wird es sein, der eine europäische Kritikerin dazu treibt, ihr Erstaunen über die Unbefangenheit des amerikanischen Autors so lange zu bearbeiten, bis Einwände daraus geworden sind.

Was der Neid T. Coraghessan Boyle lassen muß: Er findet den literarischen Urstoff, eine spannende Verfolgungsjagd mit Todesgefahr, Zuflucht, Verrat, Liebesnacht und Schreckenskammer, vor seiner Haustür. „Der Samurai von Savannah“ spielt hier und heute, in Georgia, USA, und ist, wie es sich gehört, aus dem Leben gegriffen und trotzdem unglaublich. Ein junger japanischer Matrose springt, unweit der amerikanischen Küste, von Bord eines Frachters, weil er daheim wegen Insubordination mit Knast zu rechnen hätte. In Amerika, das weiß er, leben Menschen aller Hautfarben, und es gibt die „Stadt der brüderlichen Liebe“, die auf ihn wartet. Grausam stoßen der American dream, geträumt von einem zwanzigjährigen Japaner, und die amerikanische Wirklichkeit, aufgeführt von stumpfsinnigen Küstenbewohnern, eitlen Künstler-Kolonisten und bösartigen Provinz-cops, aufeinander. Zuflucht findet der Gejagte am Ende nur im Todesmut des Samurais.

Boyle packt eine Fülle von Motiven, die für das problematische heutige Amerika stehen, in diese 400-Seiten-Geschichte von der Irrfahrt eines Fremden: die japanische Gefahr, die Zählebigkeit des Mythos vom melting pot, den Rassismus, den Zwang zum Erfolg, die Wonnen des Sichprügelns, die ubiquitäre Gewalt. Nackt erscheint Amerika im Blick eines gutgläubigen fernöstlichen Besuchers und armselig der Fremde im Blick eines mißgünstigen, aufgeblasenen Amerika. Es gibt die Geschichte einer jungen Schriftstellerin, die den Japaner versteckt und, ohne es zu wollen, verrät, es gibt Portraits affiger, schrulliger, bulliger Provinztypen, es gibt Schilderungen der Sümpfe zwischen Inseln und Festland, in denen eine urzeitliche Fauna lauert, flattert, brütet und schnappt. Ein großer, bunter, animalischer Zirkus ist es, den Boyle da dirigiert; auch die Menschen sind bloß Viecher ohne andere Ziele als den Sieg über die intrigante Rivalin, die geizige Natur, den unerwünschten Ausländer. Es ist ein Krieg aller gegen alle, in dem es nicht auf Fairneß, sondern auf Treffer ankommt und in dem der Fremde, der die Regellosigkeit nicht versteht, verlieren muß.

Unbekümmert um die Botschaft, die schließlich von selbst aus den Zeilen tropft, und ganz konzentriert auf den Effekt, reißt Boyle seine opulente Show herunter, redet, gestikuliert, spottet, brüllt und jault, daß man seufzen muß: glückliches Amerika, wo noch erzählt wird ... Jedes Kapitel eröffnet Boyle mit einer filmisch dargebotenen Action- oder Stimmungsszene, versäumt dabei aber nie, die Vielfalt der Episoden und Schauplätze überraschend mit der Odyssee seines unglücklichen Helden zu verbinden. Da gibt es nichts zu kritteln, das ist formal glänzend gelöst, es ist inhaltlich akut und von morgen und obendrein so krimispannend, daß man die Lektüre ungern unterbricht.

Dennoch scheint, spätestens im zweiten Teil, die Kalkulation kalt und dürr durch den Zirkus-Trubel hindurch; die Kunstlosigkeit und Rotzigkeit der Sprache kokettieren so frech mit dem Klischee, daß diese ihm schließlich erliegt, das innere Auge des Lesers wird müde vor zu vielen dramaturgisch-äquilibristischen Kunststücken. Man sehnt die Katastrophe herbei, weil man weiß, daß sie kommen muß, daß man nur noch hingehalten wird durch die letzten Fermaten. Miteins erscheinen der Plot abstrus, die Gestalten, vor allem die des Helden, zombiehaft untot wie Computerzeichnungen, und die unzweifelhaft enorme Erzählwut des Autors kriegt einen Stich ins Manisehe. Was einen zu Anfang hinriß und neidisch machte, schürt plötzlich ein schreckliches Mißtrauen: Ist das wirklich ein lebendiger Zirkus, diese Vorführung des „Samurai von Savannah“, oder bloß das Produkt eines subtil programmierten menschlichen Erzählcomputers, der seine Software im Schriftstellerbedarfsladen abonniert hat?