Vor vielen hundert Jahren wanderte eine junge chinesische Nonne vom Kloster Shaolin ins nächste Dorf. Sie hieß Yim Ving Tsun, „Strahlender Frühling“. Auf halbem Wege lauerte ein Mann ihr in eindeutiger Absicht auf. In Todesangst schlug ihm „Strahlender Frühling“ mit der flachen Hand ins Gesicht. Der Mann sank um. Soweit die Legende, derzufolge Yim Ving Tsun und die Nonne Ng Mui ein Selbstverteidigungs- und Nahkampfsystem für Frauen entwickelten, darin Unterricht erteilten und es somit durch Jahrhunderte weitergaben. Heute wird Ving Tsun Kung Fu in 29 Ländern mit wachsenden Teilnehmerinnenzahlen unterrichtet.

Das System erfordert keine besondere Kraft, vermeidet überflüssige Bewegungen, setzt aber Raschheit, Flexibilität und vor allem den festen Willen voraus, sich wehren zu wollen. Dieser Wille schließt ein, den Angreifer körperlich zu verletzen, denn das typisch weibliche „Nicht-verletzen-wollen“ ist das größte Hemmnis für Frauen bei der Selbstverteidigung. Mit derlei unangebrachten zarten Regungen räumt Friederike Siegismund-Knauft, Ausbilderin und Trainerin, gründlich auf.

Einundzwanzig Kursteilnehmerinnen, allesamt Beschäftigte des Hessischen Ministeriums für Frauen, Arbeit und Sozialordnung, hatten sich in die Selbstverteidigungsausbildung gestürzt; dreizehn hielten bis zum Schluß durch. Ein Mann, Dietmar Glaßer, glaubhaften Aussagen nach friedlicher Staatssekretär, war auf die Idee gekommen, „weil Frauen aus Angst vor Belästigungen nicht in ihren Behausungen eingesperrt und vom gesellschaftlichen Leben ausgesperrt bleiben dürfen“. Ohne irgendeinen Fonds anzuzapfen, zahlte er die Hälfte der Kursgebühr (32,50 Mark) für jede Frau aus eigener Tasche. Ein Denkmal ist fällig.

Der Kurs findet im Keller des Ministeriums statt. Unübersehbar steht Trainerin Friederike in der Mitte des Kreises. Gegen ihre gestählte Muskulatur nehmen sich die Elevinnen etwas mickrig aus. Es geht los. Auf Schaumstoffpuffer, stellvertretend für den imaginären Wüstling, wird eingedroschen. „Druff, druff, druff“ ist oberstes Gebot und Überraschungseffekt, denn welcher Mann rechnet damit, an eine wildgewordene Katze geraten zu sein, die ihm die Krallen ins Gesicht stößt und dazu noch nervtötend schreit. „Hau ab, hau ab!“ – das will geübt sein, da müssen seit Urgedenken eingetrichterte Hemmungen fallen. Es folgen Faust- und Fußstöße in rasantem Tempo. Tatzenhieb, Schienbeintritt, Knie- und Ellbogenstoß. Von der vielgepriesenen „sanften Selbstverteidigung mit weicher Technik“ kann wahrlich nicht die Rede sein. Nahezu mit bibelsprachlicher Wucht erklärt Friederike den schweißgebadeten Frauen: „Fürchtet euch nicht. Die Schwachstellen des Mannes sind das Geschlecht, Adamsapfel und das obere Gesicht. Eure Stärke steckt in der Kompromißlosigkeit der Abwehr, in der Zielgerade eingesetzten Hand oder Faust. Ein Adrenalinstoß im Augenblick der Gefahr regelt ohne euer Zutun die körperliche Funktionstüchtigkeit. Schäumt vor Wut, und die Schlagkraft wächst.“

Die Frauen kehren zur Grundhaltung zurück, die immer wieder aufs neue geprobt werden muß. Sie soll im Notfall als Reflexbewegung wirksam werden. Die Schutz- und Abwehrhand ist wie ein Schild in Gesichtshöhe gehoben, die rechte zur Faust geballt. Das soll photographiert werden. Isolde hat eine Kamera ausgeliehen, ein monströses Prachtstück, aber keine kann den Apparat bedienen. Isolde ruft telephonisch Hilfe herbei. Ich ahne Beschämendes. Und es geschieht. Die Tür öffnet sich. Wer steht da? Ein Mann! Fassungslos starrt er auf dreizehn ihm entgegengestreckte Fäuste. Als Neutrale nähere ich mich dem sichtlich Erschütterten, rede beruhigend auf ihn ein. „Verteidigen können wir uns, aber photographieren können wir nicht.“ Er packt die Kamera, schießt blindlings ein Photo nach dem anderen und entflieht.

Die nun folgenden Übungen entbehren jeder Harmlosigkeit, dienen nicht mehr der Abwehr; Ziel ist die Ausschaltung des Angreifers. Friederike: „Erlaubt ist alles, was unfair ist. Seht in eurem Gegenüber nicht einen Menschen, sondern ein euch auf Tod und Leben bedrängendes Objekt. Ihr habt keine andere Wahl. Der Schmerz, den ihr zufügt, muß das Objekt von euch ablenken, so daß euch Zeit zur Flucht bleibt. Dann aber rennt und schreit dabei, so laut ihr könnt.“

Die Ausschaltungsschläge und -stöße heißen „Augenwischer“, „Adamsapfelschlag“, „Hodentritt“ und „Eierreißerei“. Diese ist die allerletzte Möglichkeit einer Frau, der Vergewaltigung zu entgehen. „Ihr liegt am Boden, er kniet über euch. Nicht aufgeben. Noch habt ihr eine Chance. Es ist der Augenblick, in dem er die Hose öffnet. Rein mit den Fingernägeln ins Geschlecht und reißen. Denkt nicht daran, daß ihr ihn verletzen werdet, das geschieht mit Sicherheit. Andernfalls wärt ihr geschunden worden.“ Die Frauen treten paarweise an, möglichst eine kräftige und eine schwächere Frau sind Partnerinnen. Unnachsichtig fallen sie übereinander her. Rollen am Boden, Krallengriff, Kehlkopfpresse. Bloße Andeutung ist das längst nicht mehr, auch wenn sie dabei lachen. Alle haben blaue Flecken. Friederike gibt das Schlußzeichen. Dreizehn durchgewalkte Frauen strahlen.