Von Lydia Lange

Ich leugne alles", sagte die alte Frau. An einem Sonntagvormittag hatte sie mit ansehen müssen, wie ihr Sohn vor der Kirche erschossen wurde. Fassungslos fragte Staatsanwältin Anna Canepa die Zeugin, was sie eigentlich leugnen wolle, da sie bisher nur ihren Namen, ihr Geburtsdatum und ihren Wohnort genannt habe. Auch die übrigen 500 Menschen, die nach der Messe den Kirchplatz bevölkerten, wollten nichts gesehen haben. Sie bestritten sogar, auf der Piazza gewesen zu sein.

Wie oft hat Anna Canepa ähnliches erlebt, als sie drei Jahre lang Vertreterin der Staatsmacht in Caltagirone auf Sizilien war. Drei Jahre, dann mußte sie aufgeben. Heute arbeitet sie in Norditalien. Die junge Frau im roten Seidenkleid ist klein, blond, burschikos und feminin zugleich. Was sie zu erzählen hat, hält sie selbst für unspektakulär.

Beim juristischen Staatsexamen 1989 in Genua war ihr klar: Nur die mit den besten Noten dürfen wählen; wer weniger gute Ergebnisse erzielt, landet im Süden, wo keiner hinwill. Freiwillig ist Anna nicht nach Sizilien gegangen. Sie war dreißig Jahre alt und seit drei Monaten verheiratet. Beim Abschied von der Familie ist sie verzweifelt, aber fest entschlossen, sich in ihrem Beruf zu bewähren.

Im ersten Jahr passierte wenig. "Ich war froh, daß ich den Berufsalltag bewältigen konnte. Die Stadt selbst ist ein ganz ruhiges Pflaster", erzählt Anna. "Aber in meinem Zuständigkeitsbereich lag auch Niscemi bei Gela, dessen Kriminalitätsrate eine der höchsten Siziliens ist." Nach einer Serie von aufsehenerregenden Mordfällen und mehreren Erpressungsdelikten beginnt sie langsam, die Zusammenhänge zu durchschauen. Die Morde gehen auf das Konto der beiden größten Clans der Gegend. Die Russo und die Madonia tragen seit langem eine Fehde um die Vorherrschaft aus. Ihre Geschäfte sind die üblichen der ehrenwerten Gesellschaft: Drogenhandel, öffentliche Aufträge, Schutzgelder. "Nach einer Weile war ich mir sogar sicher, wer die Morde begangen hatte, aber es gab keine Beweise." Sie konzentriert sich auf die Arbeit mit den pentiti, den Mafia-Aussteigern. Die Menschen, die sie dabei kennenlernt, haben verschiedene Gründe, die Cosa Nostra nicht mehr für ihre Sache zu halten: Geltungsbedürfnis, Rache, Mord an Familienmitgliedern, manchmal auch Einsicht.

Alle aber wollen sofortigen und absoluten Schutz, Straffreiheit, Geld und meistens die Evakuierung mitsamt ihrer Familie. "Ich stand vor dem Dilemma, das Vertrauen von Personen gewinnen zu wollen, denen ich aber von Gesetzes wegen ganz wenig zu bieten hatte. Dazu kommt, daß ich die Aussagen eines pentito überprüfen muß, was ständig dazu führte, daß Zeugen eingeschüchtert wurden und absprangen, bevor ich genug Beweise hatte, um Haftbefehle ausstellen zu können."

Niemand gibt ihr einen Rat. Von ihren Kollegen, die schon länger in dem kleinen Gericht arbeiten, spricht sie sehr zurückhaltend. "Es ist eben nicht jedermanns Sache, ins Wespennest zu stechen." Nach und nach tragen immer mehr Schriftstücke ihre Unterschrift. Der Name der Berufeanfängerin wird bekannt in der Stadt. Einmal ist sie sicher, daß in einer Orangenplantage Waffen oder Heroin zu finden sind. Sie will das gesamte Terrain umgraben lassen. Man bedeutet ihr, daß sie einen Millionenschaden für die Landwirtschaft zu verantworten hätte, falls der Verdacht sich als falsch herausstellt. Sie zaudert, besteht dann aber auf der Durchsuchung. Ein großes Waffenlager wird ausgehoben.