Von Birgit Schommer

Ganz harmlos weist das Schild „Zum Café Uta“ gleich hinter dem Ortseingang von Holzgau nach rechts. Wir schlendern vorbei an bemalten Häusern, die sich mit knallroten Geranien auf ihren Holzbalkons brüsten, aber von einem Café keine Spur. Erst als die Straße in einen steinigen Weg übergeht, begreifen wir, der Hinterlist psychologisch geschulter Tourismusführung in den Lechtaler Alpen Westtirols auf den Leim gegangen zu sein.

Denn das vermeintliche Café ist eine Jausenstation auf 1400 Meter Bergeshöhe, und vor die Brotzeit hat der Berg die Steigung gesetzt. Zwar haben sich Alpenrose und Enzian, Höllenwurz und Teufelskralle auf unberührte Böden verkrochen, aber ein Dutzend anderer Blumenarten steht am Wegesrand Spalier, Quellen ergießen sich auf den Weg, und Miniaturwasserfälle versprühen erfrischendes Naß. Die Sonne blitzt durch grünes Blattwerk, läßt das schnell dahinschießende Bachwasser glitzern und wärmt fürsorglich einen Schwarm Pfauenaugen, der mattbraun schimmernd auf einem moosbewachsenen Stein ruht. Schwelgen in üppiger Natur kann nur, wer nicht bei jedem Schritt an die Gefahr des Abrutschens denken muß. Die sonst in den Bergen so verpönten Turnschuhe reichen aber für diesen einstündigen Spaziergang allemal.

Ein Jeep, vollgepackt mit Getränkekisten, überholt uns rumpelnd und immer knapp am Abgrund balancierend, während wir uns gegen feuchtglänzende Felswände drücken. Durch diese Schlucht müssen damals die Hirten mit ihren Schaf- und Rinderherden übers Mädelejoch aus dem Allgäu gekommen sein, um die Wiesen des Lechtals als Sommeralmen zu nutzen. Zu mehr als zum Abweiden und Jagen schien das durchschnittlich über tausend Meter hoch gelegene Tal unbrauchbar. Doch die Überbevölkerung jenseits der Alpen trieb alemannische und bajuwarische Siedler um die Jahrtausendwende in die graue Ödnis des Lechtals.

Als es steiler wird, kommt uns ein Donnern entgegen. Zwei Meter vom Weg entfernt stürzen die Simmswasserfälle in Wannen aus Stein und schießen von hier weiter zu Tal. Benannt sind sie nach einem englischen Adligen, der die Alpen für sich entdeckte und das einst unwegsame Höhenbachtal für den Tourismus. Für die nächsten Jahrhunderte wurde der stark ausgewaschene Naturstein durch Beton ersetzt. Ein willkommener Anlaß für die Holzgauer, ihren englischen Gönner samt frisch gelifteter Touristenattraktion zünftig zu feiern. Von anderen Wegbereitern des Tourismus soll noch die Rede sein in dieser pioniergeistbedürftigen Region.

Zu hoch, um das Lechtal für intensiven Ackerbau nutzbar zu machen, konnte es nie seine Bewohner ernähren. Im Beinhaus von Elbigenalp wurden jahrhundertelang die Knochen der verblichenen Lechtaler gestapelt, um das bißchen kostbare Erde für die Lebenden zu bewahren. Nicht erst das traurige Schicksal der Schwabenkinder, die Sommer für Sommer aus dem Lechtal ins Allgäu geschickt wurden, um sich auf Bauernhöfen zu verdingen und wenigstens neu eingekleidet zurückzukehren, brachte im 18. und 19. Jahrhundert die Kunde von der Not der Westtiroler über die Grenzen.

Schon vor dem Dreißigjährigen Krieg zogen junge Leute, im Vertrauen auf ihr handwerkliches Geschick, als Maurer und Stukkateure Richtung Norden. Später waren es Schnittwarenhändler, die den einheimischen Flachs zum Verkauf anboten. In den ersten Jahren kehrten sie in jedem Spätherbst zurück; später blieben sie ganz weg, der Enge des Tales entwachsen. Erst in ihrem Lebensherbst verfielen sie der Schwermut, unter vaterländischer Erde begraben werden zu wollen. Manche von ihnen waren Kaufleute geworden, kamen bis nach Holland und von dort in die Neue Welt. Beispielsweise Josef Maldoner, der, ohne lesen und schreiben zu können, in die Fremde aufbrach und zwanzig Jahre später, 1760, die erste Handelsschiffahrtslinie zwischen Amsterdam und Neu-Amsterdam, dem heutigen New York, gründete.