ZDF, Sonntag, 27. September: „Abgetrieben“

Der Satz „Die aufregendsten Geschichten schreibt das Leben selbst“ ist tückisch für die Kunst, besonders für die so lebensnahe Kunst des Fernsehspiels. Denn man könnte den wahren Satz so mißverstehen, als genügte es, die Protokolle, die „das Leben“ hinterläßt, aufzugreifen und zu arrangieren – und schon habe man de fertige Show, bigger than fiction, sozusagen. In der Regel scheitert der Versuch, die Wirklichkeit zu plagiieren. Entweder war die blanke Tatsächlichkeit doch nicht aufregend genug, oder es war nicht genug Kunst bei ihrer Aufbereitung im Spiel. Nirgendwo muß die Kunst so raffiniert, das heißt ihrer Mittel so sicher sein, wie wenn sie ganz zurücktritt und scheinbar bescheiden das Leben seine aufregendste Geschichte erzählen läßt.

Norbert Kückelmann hat das gewußt. Seine quasidokumentarische Verfilmung des Memminger Abtreibungsprozesses greift Protokolle einer Wirklichkeit auf, wie sie skandalöser, also aufregender nicht sein könnte, und sie bietet ihren Fund mit einer Diskretion und Akkuratesse dar, wie sie im Fernsehen höchst selten sind. Die Geschichte, die das Leben schrieb, und die Klarheit und Konsequenz ihrer filmischen Umsetzung stützen einander wechselseitig: Der Skandal wird Kunst und damit transparent, die szenische Arbeit verschwindet ganz in ihrem Vorwurf und erfüllt sich so. Wer diesen Film gesehen hat, will die Wände hochgehen, sich die Haare raufen und laut schreien: Wie konnte so etwas geschehen? Hier, in der Bundesrepublik, zu Memmingen, vor wenigen Jahren! Er wird irre an seiner Zeit, ihrer Vernunft und beider Verdienste, möchte nach Bayern reisen, sich die Brüder kaufen, die zu jener Hexenjagd geblasen haben, und sie ihrerseits an einen Pranger nageln – und vergißt ganz, daß er nicht Gast im Gerichtssaal war, sondern im ZDF.

Ein höheres Lob für einen quasidokumentarischen Film läßt sich kaum denken. Normalerweise ist bei zeitgeschichtlichen Stoffen und dokumentarischen Techniken die Illusion nicht stark genug, um den Zuschauer so zu packen. Es sei denn, der Film entfernte sich von der wahren Geschichte und mischte prickelnde fiction hinein.

Das aber hat Kückelmann eben nicht getan. „Abgetrieben“ hält sich treu an das Vorgefallene und verläßt sich fest auf so strohige Texte, wie sie bei Zeugenvernehmungen und Gesetzesauslegungen produziert werden. Er scheut weder Wiederholungen noch Juristendeutsch, weder Pause noch Suada. Die fiktiven Ergänzungen bleiben kurz, karg, unspektakulär. Auch die Schauspieler (Hanns Zischler, Edgar Selge, Saskia Vester) agieren kühl, hart und diszipliniert. Immer bleibt der dokumentarische Charakter erhalten, die Erinnerung daran, daß hier nicht die Kunst entwarf, sondern die Wirklichkeit, die deutsche.

Dadurch entsteht eine Wirkung, die noch stärker bannt als die Illusion. Man denkt nicht: So muß es gewesen sein, sondern: Ob es so oder nur so ähnlich war, tut nichts zur Sache. Die Sache war, und sie war unerträglich. Eine solche Bewegung, eine solche Einsicht erzeugt nur (Fernseh-)Kunst. Barbara Sichtermann