Von Andreas Kappeler

Iwan der Schreckliche ist eine Schlüsselfigur der Geschichte Rußlands und der erste russische Herrscher, der im westlichen Ausland zu einem Begriff geworden ist. Seine Figur hat das deutsche Rußlandbild von Beginn an mitgeprägt und steht bis heute als Symbol für die furchterregende, grausame, rätselhafte, barbarische Seite des „russischen Wesens“.

Das liegt auch daran, daß Iwan IV. einer der wenigen Herrscher in der Geschichte mit einem eindeutig negativen Beinamen ist. Allerdings heißt er nur im Ausland „der Schreckliche“. Sein russischer Beiname Grosnyj ist ambivalent und meint sowohl der Strenge, Drohende, als auch der Ehrfurchtgebietende, Majestätische. Die Fehlübersetzung von Grosnyj ist auf das 18. Jahrhundert zurückzuführen und fußt auf älteren negativen Epitheta wie „der Tyrann“.

Die Persönlichkeit und die lange Regierungszeit Iwans IV. (1533 bis 1584), die wichtige Weichen für die Geschichte Rußlands stellte, waren in der Tat widersprüchlich. Iwan der Schreckliche war der erste Herrscher, der sich zum Zaren krönen ließ, unter seiner Regierung wurden wichtige Reformen zur Konsolidierung des Moskauer Staates durchgeführt, und die Eroberung der Tatarenkhanate Kasan und Astrachan legte die Basis für das eurasische russische Imperium. Gleichzeitig formierte sich die Moskauer Autokratie, die nahezu unbeschränkte Herrschaft des Zaren, endgültig heraus und pervertierte in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit in ein Willkür- und Terrorregime.

Iwan und seine Zeit sind deshalb in Rußland seit jeher gegensätzlich interpretiert worden. Ähnlich wie die Urteile über Peter den Großen, die zweite herausragende Gestalt der älteren russischen Geschichte, können auch die Einschätzungen des schrecklichen Zaren als Barometer der jeweiligen politischen Wetterlage dienen. Während die Anhänger der Zarenautokratie und des Stalinismus Iwan IV. als Schöpfer des Einheitsstaates und Imperiums priesen und ihm seine Exzesse großzügig nachsahen, betrachteten ihn Kritiker des herrschenden Systems als Begründer der russischen Despotie und als Hauptverantwortlichen für den vom übrigen Europa abweichenden russischen Sonderweg: Iwan habe den Grundstein gelegt für das unheilvolle Wechselverhältnis von Machtentfaltung gegen außen und Unfreiheit und Rückständigkeit im Inneren, das die Geschichte des russischen und sowjetischen Reiches bis in die jüngste Zeit begleitete.

Besondere Aktualität hat die Auseinandersetzung mit Iwan dem Schrecklichen seit der Stalinzeit gewonnen. Der georgische Tyrann sah im Zaren ein Vorbild und hat ihn als großen und weisen Herrscher gerühmt. Nicht zufällig kümmerte er sich persönlich um die Herstellung und dann auch um das teilweise Verbot des berühmten Films von Sergej Eisenstein, „Iwan Grosnyj“. Ihm warf das Zentralkomitee 1946 vor, „in völliger Verkennung der historischen Tatsachen ... Iwan, eine Persönlichkeit von starkem Willen und Charakter, als einen Hamlet, ohne Willen und mit schwachem Charakter, darzustellen“. Nach Stalins Tod setzte eine heftige Diskussion um die Bewertung Iwans IV. und seiner Regierungszeit ein, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Äußerungen zu Iwan sind seither fast immer auch Stellungnahmen zu Stalin.

In der Diskussion um Iwan den Schrecklichen spielt seit den sechziger Jahren der an der Universität St. Petersburg lehrende Historiker Ruslan G. Skrynnikow eine wichtige Rolle. Seiner zweibändigen Doktorarbeit über die Opritschnina, die erste Phase staatlichen Terrors in der russischen Geschichte, folgte 1975 eine Biographie des Zaren, die in der Sowjetunion zu Hunderttausenden verkauft und auch ins Englische übersetzt worden ist.