Von Marlies Menge

Mit Taschen voller leerer Flaschen steigt Almut Naumann drei Stockwerke hoch und klingelt an einer Wohnungstür. Eine Frau öffnet, begleitet sie in die Küche, wo Almut aus Molkereikannen Milch in ihre Flaschen füllt. Almut gehört zur Milchgemeinschaft aus fünfzehn Familien in Dresden-Striesen. An eine der Familien liefert ein Bauer zweimal wöchentlich frische Milch, die anderen Familien holen sie bei ihr ab. In Dresden sind solche Gruppen keine Seltenheit. Einer, der etwas will, sucht andere, die dasselbe wollen. Die Leute mit der privaten Milchversorgung kennen sich von früher, aus kirchlichen Ökokreisen. Sie wollen, daß das, was ihre Kinder essen und trinken, gesund und frisch ist. Sie haben einen Verbraucherring gegründet mit einem Laden, dreimal wöchentlich geöffnet, in einer wenig einladenden Gegend, in einer Straße, die nicht mal ein Straßenschild trägt. Das scheint auch nicht nötig: In der Schützengasse gibt’s fast nur unbewohnte Häuser mit zugemauerten Fenstern, Grundstücke voller Unkraut, ein paar verrottete Schuppen. Kenner finden den kleinen Hof, umgeben von bröckelnden Häuserwänden. „Verbraucherring für ökologisch erzeugte Produkte“ steht an einer Tür – dahinter: Gemüse und Obst, Säfte, Säcke mit verschiedenem Korn, Haselnuß- und Erdnußmus, Tees, Eier, Yoghurt, Quark, Knäckebrot. „Was wir nicht selbst anbauen, beziehen wir von einem Spezial-Großhandel aus Göttingen“, sagt Matthias Schwarzwälder, die Seele des Verbraucherrings mit inzwischen achtzig Mitgliedern. Ihre monatlichen Beiträge von je fünfzehn Mark halten die Preise niedrig, von ihnen wird die Ladenmiete bezahlt; drei ABM-Kräfte verkaufen, später soll jedes Mitglied zwei Stunden im Monat helfen oder mehr zahlen.

Der Laden ist voll, die Leute kaufen nicht nur, sondern schwatzen auch gern ein bißchen. Matthias Schwarzwälder, ruhig, vollbärtig und mit kräftigen Beinen fest auf der Erde stehend, ist Diplomgärtner. Er lebt inzwischen auf dem Dorf und baut Gemüse für den Verbraucherring an. Sein Bruder Michael zog schon Anfang der achtziger Jahre auf einen Hof in der Nähe, heute Sitz der Gäa (Gäa = griechisch Mutter Erde) – auch dies ein Zusammenschluß von Gleichgesinnten, ökologischen Bauern, Händlern und Wissenschaftlern. Sie betreut über neunzig ökologisch wirtschaftende Land- und Gartenbaubetriebe in den neuen Bundesländern.

Die Milch kommt aus Sürßen, einem Dorf nahe Dresden, von Bauer Frank Müller. Müller, mit Nickelbrille, die Haare im Nacken zusammengebunden, gelernter Landmaschinenschlosser, hat vierzig Hektar Land für Getreideanbau und als Weide. Maschinen kaufte er von LPGs: die Presse, den Traktor, den Mähdrescher. Irgendwann will er 35 Kühe im Stall haben. Pro Hektar bekommt er im Jahr 500 Mark Fördermittel, weil er seinen Boden biologisch bearbeitet. Später möchte er nicht mehr vom Staat abhängig sein. Er findet es gut, daß Rudolf Bahro mit Hilfe von Sachsens Ministerpräsident Biedenkopf ökologischen Landbau in Sachsen vorwärtsbringen will.

Wenn alles gutgeht, wird Sabine Schmidt aus Dresden-Pillnitz eines Tages Rinder an die Gäa liefern. Sie hat einen Pachtvertrag für Hof und Stallungen, und wenn ihr die LPG bestätigt, daß die Weiden nicht mit Pestiziden behandelt wurden, kann sie schnell als Gäa-Hof anerkannt werden, für Pferdezucht und Mutterkuhhaltung. Nein, sie wolle auf gar keinen Fall Fohlen verkaufen, wehrt Sabine Schmidt ab. Sie hat zwanzig Pferde zum Reiten für Kinder. Kälber wird sie zwanzig Monate bei der Mutter lassen, ehe sie sie an Ökoschlachter gibt.

Der Laden in der Schützengasse soll bald schon Teil eines Umweltzentrums sein, das seine Planer in schöner Dresdner Bescheidenheit als wegweisend für Europa sehen, weil sich hier alles, was sich ökologisch versteht, unter einem Dach zusammenfinden könnte – vom vegetarischen Restaurant über Fahrradverleih bis hin zu Töpfer und Tischler. Da ökologischer Um- und Ausbau viel Geld kostet, werden nun potente Leute gesucht, die mit Ökologie Geld machen, ein ökobewußter Reiseveranstalter zum Beispiel, Juristen, die gegen Landspekulation kämpfen, oder Forschungseinrichtungen großer Firmen.

Doch nicht nur die Ökologie treibt die Dresdner zusammen. Ein Elektriker macht sich mit zwei Kollegen selbständig. „Wir sind drei Gesellschafter, drei Direktoren und drei Monteure“, spöttelt Udo Ertel, einer von den dreien. Mitarbeiter haben die drei Chefs vorerst noch nicht: „Es ist schwer, Fachkräfte zu finden.“ Also arbeiten Udo Ertel, Volker Wenzel und Klaus Lewek zehn bis zwölf Stunden pro Tag. Aufträge haben sie genug – ohne Werbung und leider immer noch ohne Telephon.