Salam aleikum, Sadik, begnadeter Hakawati, Geschichtenerzähler! Entschuldige bitte, die ZEIT drängt. Ich weiß, es ist nicht in deinem Sinn, dich von irgend jemandem drängen zu lassen. Dein Plädoyer für die Langsamkeit hat mich davon überzeugt: Sagenhaft der Erfolg deines 63jährigen Onkel Gibran bei den ersten Olympischen Spielen der Menschlichkeit in Morgana: 100 Meter in 52 Stunden! – Aber bedenke, wir hier im Abendland sind von jener Zukunft, von der du berichtest, noch weiter entfernt als ihr. Als bei euch in Morgana eines Tages die Ziegen Onkel Nadims verschwanden und sich die bis zu jener Zeit offenen Türen der Lehmhäuser in den Gassen der Altstadt schlossen, da war mein Heimatort schon längst eine Stadt der Eiligen.

Deswegen möchte ich die Leser auf deine Geschichten von tausendundeinem Nachbarn und von tausendundeiner Lüge neugierig machen, die dein Meister, der Schriftsteller Rafik Schami, für dich niedergeschrieben hat, um der Wahrheit näherzukommen. Ich weiß nicht, wo und wann du lebst. Wahrscheinlich in naher Zukunft, vergessen am Rande der einstmals phantastischen Stadt Morgana im Herzen Arabiens, „wo sich die Wege der reisenden Propheten, Eroberer, Händler und Bettler kreuzten“ und wo dir vor langer Zeit im Circus India mit Mala, der Seiltänzerin, ein kurzer Sommer des Glücks beschieden war. Egal, in welchem Jahrtausend du dich aufhältst: Du wirst mich hören, denn an der Glaubwürdigkeit der Worte des Händlers Ali ist nicht zu zweifeln, nach denen wir „schneller als das Licht Welten wechseln und in der Zeit vor- und rückwärts fliegen“ können, wenn wir nur ein Buch zur Hand nehmen und darin blättern.

Ich habe in eurem Buch geblättert, und es hat mich bereits nach den ersten Seiten berührt und gefangengenommen wie nur wenige Bücher in meinem Leseleben, vielleicht wie Janusz Korczaks „König Hänschen“. Aber, „das ist eine andere Geschichte“, wie du zu sagen pflegst. – Nun sitz ich in der Zwickmühle: Ich hab deine Geschichte, deine Geschichten in der Geschichte und deine Geschichten in den Geschichten in zwei Tagen verschlungen, obwohl du einige mehr brauchtest, sie uns mitzuteilen. Ich fand vieles wieder an verschütteten Träumen, Erinnerungen, und entdeckte noch mehr an Neuem, Unglaublichem.

Du behauptest – und auch deshalb bin ich hin und her gerissen –, Geschichten seien „wie Früchte, die es früher nur zu bestimmten Jahreszeiten gab. Man liebte sie, weil man sie bald vermißte und sehnsüchtig auf sie wartete.“ Das war, bevor die Ziegen verschwanden.

Mir fällt nur eine Rechtfertigung für mein Verhalten ein: Du weißt, im Jahr 1992 unserer Zeitrechnung gibt es tagaus tagein gedruckte Geschichten zuhauf – und die meisten schmecken irgendwie ähnlich. Ob du willst oder nicht: Euer Buch wirst du Pfingsten wie Weihnachten in den Buchhandlungen finden und, neben hunderttausendundeinem, bei der Frankfurter Buchmesse im Herbst. Das ist so. Ähnlich der Tatsache, daß alle Präsidenten Morganas „Hadahek“ heißen, also zu deutsch: Das ist so.

Die ZEIT drängt, und ich überlege mir, wie ich dir trotzdem gerecht werden kann. Ich werde deine Erzählungen den Lesern einfach mit den Worten vorstellen: „Hört zu, Leute, Rafik Schamis Niederschrift von Sadiks Geschichten ist ein Kunstwerk, bei dem ihr eure Zeit finden und verlieren müßt, um es zu verstehen und zu lieben!“ Und dann warte ich, bis die Abende länger und dunkler werden und erzähle erst im November meinen Freunden, meinem Kind und meiner Liebe von dir. Zwar kann ich nicht, wie du, auf 93 Tanten und Onkel nebst 20 Cousinen und Cousins zurückgreifen, aber ganz in der Nähe habe ich bereits 79 Nachbarn gezählt. Dicke und dünne, eklige und unerträgliche, kluge und liebenswürdige, und auch eine alte Frau, die wie deine Großmutter Hanan alle Farben der Jahre in ihrem Herzen trägt und in ihrem früheren Leben eine Tigerin gewesen sein muß.

Verzeih mir, wenn ich dich so in unsere Stadt der Eiligen einführe und trotzdem hoffe, man möge erkennen, was ihr in Arabien schon lange wißt: daß Fabulieren eine weit verläßlichere Brücke zu den 99 Schwestern der Wahrheit sein kann als jedes aufgeblasene, von Belehrung triefende Wort. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Beim Barte des Propheten!