Als die erste Telephonrechnung über tausend Mark kam, dachte sich Maria Angeles García nichts Böses. „Ich mußte einige Male im Ausland anrufen und glaubte, deswegen sei die Rechnung so hoch“, erzählt die 51jährige Hausfrau aus einem Vorort von Madrid. Der Schock kam zwei Monate später: Diesmal forderte die spanische Telephongesellschaft fast 2000 Mark. Ein Gespräch mit ihrem Sohn Julian klärte das Rätsel. Weinend gestand der 21jährige, daß er Tag und Nacht die Nummer der „Party-Line“ angewählt hatte. Von den Eltern unbemerkt, plauderte er mit neun Personen zugleich über Fußball, Wetter und Regierung. Erst einem Psychologen gelang es, den jungen Mann von seiner kostspieligen Leidenschaft zu befreien.

Familie García ist Opfer einer „neuen Telephonkultur“. Unter diesem Motto öffnete Telefónica – spanisches Pendant der deutschen Telekom – im Januar das Fernsprechnetz für private Unternehmer, die sogenannte intelligente Dienste anbieten. Hierzu zählen nicht nur die Gruppengespräche à la Party-Line, sondern ebenso Börsennotizen und Horoskope vom Tonband. Mehr als dreißig Firmen – Markenzeichen sind die mit 903 beginnenden Telephonnummern – widmen sich mittlerweile dem Geschäft mit der Wählscheibe. Einige locken mit skurrilen Offerten: Jeder Anrufer wird minutenlang beschimpft. Billig ist dieses zweifelhafte Vergnügen nicht. Eine Minute kostet eine Mark, sechsmal mehr als ein normales Ortsgespräch. Zwei Drittel davon kassiert Telefönica. Den Rest erhalten die Betreiber der intelligenten Dienste. Manche Firmen erhalten täglich 20 000 Anrufe. Der Service 903 sei schlicht ein „Superstar“, frohlockt Hilo Directo, die Hauspostille der Telefönica. Für die nächsten Jahre rechnet der Konzern, der zu einem Drittel dem Staat gehört, mit einem „explosionsartigem Wachstum“. Informationen aller Art, vom Wetterbericht bis zum Kulturkalender, könnten künftig per Fernsprecher verkauft werden, spekuliert Conceptiön Herrera, Sprecherin des Unternehmens. In drei Jahren soll 903 sogar europaweit funktionieren.

Bevor die weitreichenden Pläne Wirklichkeit werden, muß sich der Fernsprechriese jedoch zunächst der Kritik im eigenen Land stellen. Verbraucherschützer bemängeln die hohen Gebühren. Und Psychologen warnen, Kinder könnten nach den Konferenzen per Telephon süchtig werden. Vor allem schadet dem Ruf des „Telefon à la Carta“ (Telefönica-Werbung) jedoch, daß sich kaum ein Anrufer für die Kursschwankungen an der Madrider Börse interessiert – gefragt ist vor allem Sex vom Tonband. Es gebe einen regelrechten Boom der Sex-Leitungen, erregt sich die angesehene Tageszeitung El País. Viel Neues erfährt der Anrufer allerdings nicht, wenn er mit zitternden Fingern eine einschlägige Nummer wählt: Meist weibliche Stimmen – ähnlich anregend wie die einer Bahnhofssprecherin – erzählen von nächtlichen Abenteuern mit wechselnden Partnern.

Doch selbst das geht einigen zu weit. Manche Zeitung, in deren Anzeigenteil noch vor kurzem barbrüstige Damen und Herren für die heißen Nummern warben, veröffentlichte die Annoncen nach Protesten der Leser nur noch ohne Photo unter der Rubrik Kleinanzeigen. Auch viele Firmenchefs finden an den Telephondienstleistungen keinen Gefallen: Sie ärgern sich über deutlich gestiegene Rechnungen – während der Bürozeiten ist die Nachfrage nach knisternden Gesprächen besonders hoch. Nun sperren immer mehr Unternehmen ihre Leitungen für alle mit 903 beginnenden Nummern. Auch das spanische Finanzministerium verhindert auf diese Weise, daß Steuergelder unzüchtigem Gebrauch zugeführt werden.

Nun droht dem lukrativen Geschäft sogar der endgültige Knockout. Der Verbraucherverband OCU fordert, daß künftig auch von privaten Anschlüssen aus niemand mehr ohne weiteres die 903-Nummern anwählen kann. „Wer die neuen Dienste nutzen will“, meint Ana Isabel Sanchez vom OCU, „soll dies bei Telefónica beantragen.“ Nur so ließe sich vermeiden, daß Kinder und Jugendliche bei der Party-Line oder dem Erotik-Telephon anrufen, sobald die Erwachsenen aus dem Haus sind. Bisher helfen sich die Eltern einiger telephonsüchtiger Sprößlinge auf eine andere Weise: Wann immer sie das Haus verlassen, schleppen sie den Fernsprecher mit.

Christian Potthoff