Die Nachricht über das wahre Alter des "Turiner Grabtuchs", das ein Abbild Jesu zeigen soll, war für viele ein Schock. Drei Labors hatten 1988 winzige Proben der als Leichentuch des Erlösers verehrten Reliquie untersucht. Sie wandten die bewährte Methode der Kohlenstoffdatierung an: Vom Anteil des Kohlenstoff-Isotops C-14 in einer organischen Substanz läßt sich auf deren Alter schließen. Das Tuch, lautete damals das einhellige Ergebnis, stammt aus dem Mittelalter.

Doch immer noch wird mit heiligem Zorn um die Authentizität der Reliquie gefochten. Elmar R. Gruber, ein Schüler Hans Benders, des verstorbenen Pioniers der Parapsychologie, und der Religionslehrer Holger Kersten halten die Datierung gar für die Machenschaft einer Verschwörung. In ihrem spannend geschriebenen Buch "Das Jesus-Komplott" behaupten sie glatt, ein Kardinal und ein Professor des British Museums hätten die Proben gegen ähnliche Stoffreste aus dem Mittelalter ausgetauscht. Warum sogar dem Kardinal daran gelegen gewesen sein soll, das Tuch als Fälschung zu entlarven, erklären sich die Autoren so: Es belege eindeutig, daß Jesus die Kreuzigung überlebt habe.

Die Autoren verfechten die in der "Sindologie" (Grabtuchforschung) heißumkämpfte "Vaporograph"-These, nach der verdampfende Öle und Schweiß das Jesusbild hervorgerufen hätten. Der gravierendste Einwand gegen diese These ist ihre geometrische Unmöglichkeit. Sogar unter idealen Bedingungen entstünde ein Bild, das an den Seiten verzerrt wäre, da das Leichentuch ja nicht flach wie eine Filmplatte über dem Körper aufgespannt wurde, sondern an den Seiten abfallen mußte. Überdies steigen Dämpfe keineswegs schnurgerade wie Lichtstrahlen nach oben, sie wabern eben, weshalb ein Abbild verschmiert aussehen müßte, keinesfalls so wie das schöne Bild auf dem Turiner Tuch.

Dessen Stoff gibt ebenfalls Anlaß zur Skepsis. Das Leinentuch ist in Webart und Musterung typisch für das 14. Jahrhundert, während aus der Zeit Jesu eine derartige Musterung unbekannt ist. Schon kurz nach der Ausstellung des Tuches im 14. Jahrhundert, der ersten, von der man heute weiß, wurde die Echtheit der Reliquie bezweifelt. So behauptete der damalige Bischof Henri de Poitiers, daß "das Tuch listig gemalt wurde"; der Maler habe die Tat zugegeben. Die Autoren des "Jesus-Komplotts" halten dagegen, ein Künstler aus dem Mittelalter hätte die abgebildeten anatomischen Details nicht kennen können. Indessen entspricht das Bild sehr stark dem Jesusbild des 14. Jahrhunderts, auch die Ähnlichkeit mit zeitgenössischen Malereien ist auffällig.

Die Konturen auf dem Grabtuch sind heute weniger durch Farbpartikel als durch Vergilbung gezeichnet. Große Teile der Eisenoxid-Farbe des Turiner Grabtuchs sind vermutlich im Laufe der Zeit abgerieben worden, die Farbpartikel wirkten aber als Katalysatoren, wodurch die "listig gemalten" Stellen schneller vergilbten. Neben Physikern, Chemikern und Kunstgeschichtlern haben auch Mediziner Bedenken geäußert. Wieso sind denn die Haare in der liegenden Stellung nicht nach hinten gefallen, und wieso ist der rechte Unterarm viel länger als der linke? Und das angebliche Blut, es verrinnt, verkrustet und verklebt nicht etwa, sondern es fließt in kleinen Bächen, wie bei einer Malerei. Diese und viele andere Einwände erwähnen die Autoren kaum oder gar nicht.

Während Kersten und Gruber ihre Parteigänger respektvoll behandeln, protokollieren sie jedes Äh und Husten der Kritiker. Sie schreiben von Ergebnissen des "amerikanischen Chemikers Walter McCrone", "der das Tuch selbst nie gesehen hatte". Ihm "genügte der Nachweis von Eisen, um (...) vor der Weltpresse zu behaupten, daß das Turiner Grabtuch nicht echt sein könne".

In Wirklichkeit konnte McCrone, der über ein weltbekanntes gerichtsmedizinisches Institut zum Nachweis kleiner Partikel verfügt, sogar die Größe der Eisenoxid-Partikel ausmachen, und siehe da: In just dieser Größe wurden solche Partikel in Farbstoffen des Mittelalters verwandt. Daneben entdeckte McCrone noch Zinnoberrot in der "Blut"-Gegend. In Kontrollflächen neben dem Abdruck wurden dagegen keine Farbstoffe gefunden. Kersten hält dagegen, daß Tests, die auf Blut hinweisen, positive Befunde brachten. Das stimmt. Kollagen, das als Farb-Bindemittel benutzt wird, hätte diese Tests allerdings auch bestanden. Und selbst wenn eines Tages ein spezifischer Bluttest positiv ausfallen würde, wäre das kein Nachweis der Echtheit – ein Fälscher hätte auch mit Blut malen können.