Von Martin Lüdke

Es fängt gut an. Es geht übel aus. Nicht nur für die Handlung könnte Woody Allen Pate gestanden haben, auch für die Haltung. Wir sind, so Rabbit, "auf Arsch und Titten programmiert worden". Er liebt, wie man sieht, die drastischen Sprüche, und sei es als Entschuldigung dafür, daß er es mit seiner eigenen Schwiegertochter getrieben hat. Golf sei, meint er, "wie das Leben selbst". Das heißt, daß "das Gelingen sich nicht erzwingen" lasse und das "Prinzip", das dem Spiel zugrunde liege, nicht vertrage, daß "man es zerrede". Er liebt, wie man sieht, auch die klugen Sprüche. Dabei hat er es "immer gehaßt, wenn Leute die Regierung angriffen". Harry Angstrom, Rabbit genannt, Hasenherz. Ein Autohändler, der sich früh zur Ruhe gesetzt hat. Ein Kleinbürger, mittelmäßig, angepaßt, doch keineswegs erfolglos, schon gar nicht bei Frauen. Ein durch und durch durchschnittlicher Amerikaner.

Mit seinen klugen Sprüchen hat er mich immer wieder in Rage gebracht. Mit seinen drastischen Bemerkungen hat er mich oft wieder versöhnt. So beschreibt er zum Beispiel die bleichen, schlaffen Backen des Hinterns seines Vaters als "hilfloses Fleisch", das "in der Gegend hing wie ungebügelte Wäsche". Aber – zugegeben – ich bin in diesem Fall befangen. Ich habe ihn halt gut gekannt, diesen Harry Angstrom. Dabei waren wir zum Teil auch längere Zeit zusammen.

Ganz dunkel erinnerte ich mich jetzt wieder. Der Anfang. Irgendwann Ende der fünfziger Jahre. Rabbit kam eines Tages die kleine Straße hoch, zu Fuß. Oben, um einen Telegraphenmast herum, spielten einige Jungens Basketball. Er blieb stehen, schaute zu. Plötzlich prallte der Ball vom Korbrand ab und kam direkt auf ihn zugeflogen. Mit "einer Schnelligkeit, die die Jungen beunruhigte", fing er den Ball auf, nahm Maß, und dann "sieht es plötzlich so aus, als gleite der Ball am rechten Jackettaufschlag" hinauf und stiebe von seiner Schulter auf. Der Ball landet zur Überraschung der Jungen "mitten im Korb". Stolz und ein bißchen protzig ruft Rabbit: "He".

Dunkel erinnerte ich mich an diese Szene, als ich ihn jetzt wiedersah, wie er "dribbelnd vorwärts stürzt", wie er, mit einem schwarzen Jungen spielend, am Korb hochspringt: "Er steigt, hoch, höher, den zerrissenen Wolken entgegen. Ein gewaltiger Schmerz fetzt durch seinen Rumpf. Er explodiert von innen; er fühlt, wie etwas Ungeheueres beharrlich an ihm herumfummelt, und fällt bewußtlos auf den gestampften Lehmboden." Fassungslos murmelt der junge Schwarze: "Reinste Pferdescheiße" und macht sich schnell, aber unauffällig aus dem Staub.

Zwischen diesen beiden Treffern sind dreißig Jahre vergangen, fast auf den Tag genau. Am Anfang: der junge Rabbit, aus Brewer, Pennsylvania, einer amerikanischen Kleinstadt, Faulkners Jefferson in den Mittleren Westen von heute versetzt. Rabbit, erst Schriftsetzer, dann Warenhausverkäufer, schließlich selbständiger Autohändler, ein einst blonder Hüne, der einmal als Basketballspieler zumindest eine lokale Berühmtheit war. Ein junger Mann mit großen, wenn auch nur ungefähren Vorstellungen vom Leben. Und dann: der alte Harry, ein Frührentner, der – herzkrank geworden – den Winter in Deleon, Florida, einem Rentnerparadies, verbringt, dem es übel wird, wenn er sein Abbild im Spiegel sieht: "... das Gesicht angeschwollen zu einem Vollmond, die eisblauen Augen und der mümmelnde schmale Mund zusammengedrängt in der Mitte oberhalb der Kinnpartie, einer knochenlosen Kinnpartie, die sich hochschiebt und sogar vorn vor die Ohren je ein Fettpolster packt".

Ein Kreis hat sich geschlossen. Anfang und Ende einer Lebensgeschichte sind, nicht ungeschickt, von Updike zusammengebunden worden. Mit der Basketballszene beginnt "Hasenherz", der erste Teil dieser ebenso intensiven wie extensiven Lebensbeschreibung. Genau dreißig Jahre später, mit dem zweiten Herzinfarkt, beim Basketball, endet der vierte und letzte Band der Rabbit-Romane und zugleich, überraschend früh, das Leben des Helden.