Von Barbara Ritzert

Margot Zöller hat ein Zimmer mit Aussicht. Wenn sie einmal von ihren Laborprotokollen und Reagenzgläsern aufsieht, ragt vor ihr der Eiffelturm auf, nachts von Tausenden orangeroten Lichtern illuminiert. Wenig anregend ist hingegen der Ausblick aus der winzigen und schäbigen Hinterhofwohnung, in der sich die 49jährige Wissenschaftlerin, die normalerweise am Heidelberger Krebsforschungszentrum arbeitet, während ihres einjährigen Forschungsaufenthaltes am Institut Pasteur einquartiert hat. Doch dies ist nicht der Grund, warum Margot Zöller an sieben Tagen in der Woche zumeist vierzehn Stunden im Labor verbringt und nur vom öffentlichen Nahverkehrssystem – „die letzte Metro darf ich nicht verpassen“ – daran erinnert wird, daß auch in Paris irgendwann Feierabend ist. Sie liebt ihre Arbeit, „es macht mir einfach Spaß“, wie sie sagt.

Den naheliegenden Verdacht, ein Workaholic zu sein, weist sie weit von sich. Sie ist nur süchtig nach Erkenntnis – bis zur Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. An der zugigen Front zu unbekannten Welten, dort fühlt sie sich zu Hause. Sie ist fasziniert von der Komplexität des Immunsystems, jener unsichtbaren Phalanx aus Abermillionen von Zellen und Molekülen, die über die Integrität des Organismus wacht.

Im Jardin du Luxembourg sitzen wir in der milden Septembersonne, umgeben von Menschen, die Zeitung lesen, das bunte Treiben im Park beobachten oder einfach nur die Ruhe genießen. Auch Margot Zöller freut sich, „daß sie einmal etwas Sonne tanken kann“. Wie sie mir später verrät, könnte sie sich mit Begeisterung auch über Kafka oder ihre Schwäche für englische Gotik unterhalten. Aber weil die Journalistin zunächst etwas über die Wissenschaftlerin erfahren will, erklärt mir Margot Zöller mit großer Geduld das Immunsystem, wie dieses fein ausbalancierte Netzwerk funktioniert und wo die Grenzen zum Unbekannten liegen, an denen sich die Forscher derzeit entlangtasten.

Dabei war sie, die Medizin, Philosophie und Psychologie studiert hat, zunächst mehr von der Komplexität der Psyche fasziniert. „Ich wollte eigentlich Psychiaterin werden“, sagt sie. Darum arbeitete sie schon vor dem Staatsexamen in der Psychiatrie, vor allem mit jugendlichen Schizophrenen. „Ich wollte begreifen und nachvollziehen, was diese Patienten empfinden.“ Doch diese engagierte Anteilnahme am Schicksal kranker Menschen birgt Gefahren für die Therapeuten – auch Margot Zöller hat diese Erfahrung gemacht. „Ich hatte in meinem Kopf nur noch Platz für meine Patienten, bis ich selbst kaum mehr existiert habe“, erinnert sie sich. Diese Schwierigkeit, sich von Leid gelegentlich zu distanzieren, führt sie auf ihr damaliges Alter zurück. „Ich war gerade 26, kaum älter als meine Patienten.“

Nicht zuletzt um Abstand zu gewinnen, wollte die junge Medizinerin nach ihrer Promotion Forschungsluft schnuppern und wechselte „eigentlich nur für ein Jahr“ an das Deutsche Krebsforschungszentrum. Angeregt vom Vortrag eines englischen Immunologen, begann sie sich mit dem Immunsystem zu beschäftigen, das Anfang der siebziger Jahre noch weitgehend Terra incognita war. Zwar wollte sie „immer mal wieder in die Klinik zurück“, aber sie kam von der Wissenschaft nicht mehr los. „Immer wollte ich noch schnell dieses und jenes untersuchen oder überprüfen – und dann war wieder ein Jahr um“, sagt sie lachend. Forschungsaufenthalte in England und Schweden stellten dann die Weichen in Richtung Tumorimmunologie: „Ich wollte verstehen, warum das Immunsystem bösartige Tumore nicht bekämpft, sondern toleriert“, sagt Margot Zöller, „und herausfinden, wie Duldung im Immunsystem überhaupt funktioniert. Denn nur dann kann man Mittel und Wege finden, diese tödliche Toleranz zu durchbrechen.“ Damit war die junge Medizinerin an der wichtigen Grundfrage angelangt, wie das Immunsystem lernt, Freund und Feind zu unterscheiden – in den siebziger Jahren noch kein großes Feld der Forschung. Dennoch nahm Margot Zöller voller Risikobereitschaft das lose Ende eines Fadens auf. Rückblickend bescheinigt sie sich heute „ein Fünkchen Hybris“ angesichts ihres Anspruches, dieses Rätsel lösen zu wollen. „Aber diese Frage war immer mein Thema – egal, wo sie mich hingeführt hat.“

Vorläufig ist Margot Zöller „nach einigen Abstechern und Umwegen“ bei einem Gebiet angelangt, das mit ihrem ursprünglichen Interesse nur noch indirekt zu tun hat – bei der Metastasierung. Zusammen mit ihren Kollegen vom Karlsruher Kernforschungszentrum entdeckte sie in Krebszellen der Ratte ein Gen, das – zumindest in diesem Modellsystem – in der Lage ist, das vollständige Programm für die Absiedlung vor Tochtergeschwülsten anzuwerfen. Damit macht es aus lokal wuchernden Tumorzellen bösartige Vagabunden (siehe ZEIT Nr. 35 vom 21. 8. 1992).