Die Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, lagen zwar zur Zeit der Brüder Grimm längst in der Vergangenheit, heutzutage aber sind sie aufs neue noch lange nicht um. Zumindest kommt es hier und da punktuell vor, daß ein Traum Wirklichkeit wird, spätestens, wenn Rudi Carrell die beliebte Erkennungsmelodie seiner Wunschsendung hören läßt: „Laß dich überraschen, daß auch deine Wünsche in Erfüllung gehn, das ist ganz klar, kann es geschehn, werden Wünsche Wirklichkeit, werden Träume wahr.“

In ein vergleichbares Horn bläst die Broschüre „Die moderne Hausfrau“ des Versandhauses Walz GmbH mit ihrer Ankündigung: „Träume werden wahr ... und wenn sie noch so ausgefallen sind. Oder können Sie sich vorstellen, ein Auto im Schlafzimmer zu haben? Diese ausgefallene Tagesdecke ‚Auto‘ wird der Stolz eines jeden Jugendlichen, eines jeden Kindes sein. Der legendäre ‚Morgan’ lädt ein zu Fahrten in das Land der Träume.“

Wohl dem, der mit der Anschaffung einer simplen Tagesdecke schon am Ziel seiner Wünsche ist. Doch auch die Verbalisierung weiterführender Wünsche hört nicht auf, von der Verwirklichung der Träume zu träumen, anläßlich des 75jährigen Jubiläums der Mitsubishi Motors im Juli 1992 so: „Mit unserem ersten Auto haben wir uns einen Traum erfüllt. 75 Jahre später erfüllen unsere Autos Ihre Träume.“

Atmosphärisch kommt so was aus dem Assoziationshof Lottogewinn und gelungene Partnerwahl nicht so recht heraus, wie Fotomodell Regina, die in der zwölfteiligen Verfilmung des Utta-Danella-Romans „Regina auf den Stufen“ zu dem Modephotographen Janosch sagt: „Es ist alles wie ein Traum, Janosch. Vor einem halben Jahr war ich noch gar nichts. Da könnt’ ich nicht mal meine Miete zahlen.“

Hier und anderswo ist das Prinzip Hoffnung ins Prinzip Wunscherfüllung übergegangen. Entsprechend diesseits segeln die Beglückten von Blochs Melancholie der Erfüllung; und nicht minder diesseits der Vorwarnung seitens Matthias Horx: „Wir verwirklichen unsere Träume, und damit schaffen wir sie ab.“ Regina auf den Stufen, tief eingehüllt in Blochs Dunkel des gelebten Augenblicks, bekommt Träume verwirklicht, die sie zunächst gar nicht hatte, und die sie anschließend – Horx widerlegend – nicht im mindesten abschafft. Ganz anders reagiert da sensiblerweise Esther, die sich von verwirklichtem Traum nicht neppen läßt und von der es innerhalb deutschsprachiger Gegenwartsliteratur heißt, nämlich in einer Erzählung der Walsertochter Johanna Walser 1991: „Dann fiel Esther wieder in die Wirklichkeit zurück.“ Solche Desillusionierung wird in den bunten Werbeblättchen des Reisedienstes Wolfgang Koch, der ältere Mitbürger zur Teilnahme an skandalumwitterten Kaffeefahrten überredet, unter der Überschrift „Erleben Sie die Schweiz live!“ schonend umgangen, indem der verwirklichte Traum wohltuend in erneutes Träumen übergeht, und zwar so: „Und eines ist sicher: daheim angekommen, haben Sie eine tolle Reise erlebt. Sie werden noch lange von dieser Fahrt träumen.“ An dieser Stelle wiederum leistet Sonja von Eisenstein in ihrem Buch „Verschlafet eure Träume nicht“, 1992, Aufklärungsarbeit, indem sie fordert: „Träume sind zu verwirklichen.“

Doch nicht nur im Bereich der Literatur, auch in Wirtschaft und Politik werden ununterbrochen Träume verwirklicht. Es genügt, daß ein Möbelmillionär eine verfallende Mühle saniert und ein Restaurant draus macht. Selbst wenn man privat noch so hartnäckig dem Therapeuten gegenüber behauptet, daß man sich an seine Träume nicht erinnern kann, und selbst wenn man nirgendwo so gerne bleibt wie auf dem Teppich, ums Träumeverwirklichen kommt niemand umhin. Das geht bis hinauf in höchste Etagen. Zur Eröffnungsgala von Euro Disney bei Paris sagte am 11. April 1992 Roy Disney, der Bruder Walt Disneys: „Dies ist einer der schönsten Tage in meinem Leben, denn ein Traum ist Wirklichkeit geworden“, also wörtlich dasselbe wie Kohl am 3. Oktober 1990 in Berlin. Ein Jahr später, am 3. Oktober 1991, sah die Sache wörtlich fast noch genauso aus; man lausche auf den minimalen Unterschied in der Formulierung. Kohl sagte nämlich telephonisch zu Gorbatschow: „Es ist beinahe wie ein Traum, aber er ist Wirklichkeit geworden.“ Das unauffällige „beinahe“ spricht Bände.

An diesem Punkt wird die Wirklichkeit spürbar, und zwar am besten die rauhe Wirklichkeit, in die Esther zurückgefallen ist und die auch von Kohl nicht mit Träumen verdeckt werden kann, weder mit verwirklichten noch unverwirklichten. Wirklichkeit und verwirklichter Traum werden voraussichtlich weiterhin zweierlei Stiefel bleiben und die Deutung beider der dritte Stiefel.