Niemand läßt sich gern zwingen, ein guter Mensch zu sein. Schon gar nicht im Urlaub. Wer mit Schwerbehinderten in einem Speisesaal zusammentrifft, wird zumeist mit Abwehr oder mit der Unterdrückung derselben reagieren. Reagieren jedenfalls wird er. Behindertenfreundlichkeit gehört zwar inzwischen zum Kanon des aufgeklärten Bundesrepublikaners. Aber dafür eine stabile Gefühlsbasis zu fordern wäre zuviel verlangt. Denn Menschlichkeit ist im Zweifelsfall etwas, was gegen das Gefühl geht.

Eine Familie mit kleinen Kindern klagte, weil sie in einem türkischen Hotel zehn Rollstuhlfahrern und ihrer Mühe beim Essen ausgesetzt war. Ein Flensburger Amtsrichter verurteilte den Reiseveranstalter zu einem zehnprozentigen Preisnachlaß – weil die Erinnerung „an die Möglichkeiten des menschlichen Leidens“ unzumutbar sei. Einspruch, Euer Gnaden! Das Abschieben der Wirklichkeit kann nie zum Rechtsfrieden führen. Noch 1980 gab es nach dem berüchtigten „Frankfurter Behinderten-Urteil“ in einem vergleichbaren Fall fünfzig Prozent Schadensersatz. Von fünfzig zu zehn Prozent – zwölf Jahre Fortschritt in der Justiz. KH