Von Eberhard Falcke

Als der mexikanische Diktator Porfirio Díaz 1911, nach mehr als dreißigjähriger Herrschaft, ins Exil gehen mußte, sagte er über seinen Nachfolger im Präsidentenamt: „Madero hat einen Tiger von der Leine gelassen.“ Die mexikanische Revolution hatte begonnen. Der Tiger – das waren die gegensätzlichen sozialen Kräfte, die dabei erstmals in der Geschichte des Landes allseitig mobilisiert wurden. Doch der Anwalt und Landbesitzer Madero war kein Revolutionär. Er versuchte das politische Leben zu demokratisieren, ohne an die Machtstrukturen zu rühren. Eine Landreform, wie sie Emiliano Zapata und Pancho Villa forderten, war nicht seine Sache. Nach zwei Jahren hatten seine Verbündeten ihn zum Verräter erklärt, und seine Gegner in Armee, Großgrundbesitz und US-Botschaft brachten ihn um.

Der Kampf gegen das Regime des von Yankees und Brandy abhängigen Generals Huerta eröffnete die zweite, wirkungsreichere Phase der Revolution. Allerdings wiederholte sich nach dem Sieg über Huerta im Jahr 1914 der Interessenkonflikt der Revolutionsparteien in verschärfter Form. Wieder wurden die Bauern, die unter Zapata und Villa für die Rückgabe des enteigneten Landes gekämpft hatten, in ihren Hoffnungen getäuscht. Dagegen gewannen die städtisch und liberal geprägten Konstitutionalisten im folgenden Bürgerkrieg die Oberhand. 1919 wurde Zapata ermordet. Villa vier Jahre später.

Man muß sich wenigstens stichwortartig diese Daten vergegenwärtigen, denn von alledem erwähnt der 1896 geborene Mariano Azuela in seinem Roman „Die Rechtlosen“ so gut wie nichts. Er geht vielmehr mitten hinein ins unübersichtliche Geschehen und beschränkt die Perspektive der Erzählung konsequent auf die widersprüchlichen und verwirrenden Erfahrungen eines bäuerlichen Anführers und seiner Männer. Sie kennen zwar die Ursachen der Revolution, weil sie die als Unterdrückung und Demütigung am eigenen Leib erfahren haben; aber von ihren Zielen haben sie – sofern diese nicht konkret und persönlich zubezeichnen sind – nur eine sehr ungenaue Vorstellung. Und je länger sie im Land, stets kampfbereit, umherirren, desto mehr verengt sich für sie der Blick auf das Schußfeld ihrer Gewehre.

Doch auch unabhängig von dieser thematischen Konzentration konnte Azuela auf die Rahmung seines Stoffes durch historisches Fachwerk verzichten. Denn er schrieb als Zeuge nahezu parallel zu den geschilderten Ereignissen, deren Nachhall noch in der Luft lag, als die ersten Leser die Romankapitel in direkter Nachbarschaft zu den politischen Nachrichten vorfinden konnten. In Fortsetzungen erschien „Los de abajo“ 1916 als erster Revolutionsroman in der Zeitung Pasp del Norte. Nach der Besetzung seiner Heimatstadt Guadalajara hatte sich Azuela ins texanische El Paso geflüchtet, wo sein Roman ein Jahr nach dem Zeitungsabdruck auch als Buch erschien. Eine erste mexikanische Ausgabe brachte er 1920 auf eigene Kosten heraus, vorerst noch ohne sonderliche Resonanz.

Was Azuela als „Bilder und Szenen der gegenwärtigen Revolution“ (so der damalige Untertitel) schilderte, beruhte unmittelbar auf eigener Anschauung. Als Stabsarzt hatte er die Truppe des mit Villa verbündeten Bauerngenerals Juliän Medina begleitet und an den Siegen und Niederlagen der villistischen Bewegung teilgenommen. Medina mag auch das Vorbild sein für Demetrio Macías, den Rebellenführer des Romans. Allerdings wäre es ein Mißverständnis, diesen Demetrio, nur weil er ein Anführer ist (der es als Repräsentant des Bundesstaates Jalisco zum General bringt), auch für den Helden der Erzählung zu halten. Denn weder bestimmt er das Geschehen, noch ist es primär auf ihn bezogen. Vielmehr zeigen ihn die locker gefügten Genreszenen des Romans nur als einen unter anderen in diesem zusammengewürfelten Haufen von Männern, die außer der Waffenbrüderschaft nicht viel zu verbinden scheint.

Die Aufständischen verkommen zu Kriegern. Anstatt ihr Land zu gewinnen, verlieren sie ihre Moral. Habgier, Grausamkeit und Titelsucht breiten sich aus. Sie verwandeln sich in eine marodierende Soldateska, in der niemand mehr die Befreier erkennen kann, als die sie aufgebrochen sind. Mehr oder weniger unterliegt jeder von Demetrios Männern dieser Entwicklung, und sei es nur dadurch, daß er sie hinnehmen muß. „Begeisterung, Hoffnungen, Ideale, Freude, alles löst sich in nichts auf!“ Das gilt für den sadistischen Dandy Margarito ebenso wie für den Strategen Venancio und die Draufgänger Pancracio und Manteca. Und nicht besser ergeht es dem Medizinstudenten Luis Cervantes, der als Überläufer zu der Truppe kam und zeitweilig die Rolle des Politkommissars übernimmt. Sollte Azuela mit dieser Figur ein partielles Selbstporträt gezeichnet haben, dann wäre es jedenfalls ein sehr kritisches.