Von Sibylle Cramer

Sie erzählt Geschichten, die sie offenbar auf der Straße aufliest: „Geräusche breiteten sich im Bahnhof aus – Schritte, krächzende Lautsprecheransagen...“ Der Schnitt, der die Geschichten aus der gestaltlosen Wirklichkeit herauslöst, ist kaum sichtbar, zu Beginn der stories so wenig wie am Ende: „und bald – nicht an diesem Nachmittag natürlich, aber schon recht bald – würde ich wieder auf diesem Parkplatz stehen, eine Fahrkarte in der Hand, und darauf warten, in den Bus steigen zu können, der so überraschend vor mir auftauchen würde, als käme er aus dem Nichts.“ Das ist ein Erzählschluß, der die Erzählung mit einer winzigen Anhebung, nämlich der in Paranthese gesetzten Bemerkung „nicht an diesem Nachmittag“, aus der formlosen Zufälligkeit des amerikanischen Alltags heraushebt. Das Tempus des Satzes, der Konditional, macht diesen Transport vom Regelhaften in die Ausnahme aber wieder rückgängig.

Die New Yorkerin Deborah Eisenberg erzählt stories. Eine riesige Wirklichkeit wird ohne Verlust, ja gewinnreich verkleinert. Die stories, die hier erzählt werden, sind Sammellager. Das Gesamtwerk Maupassants steckt in ihnen, dazu Romane Flauberts, der Brontës, Turgenjews, Tolstojs. Die sechsundvierzigjährige Erzählerin, die klassische Philologie und Ethnologie studiert hat, geht methodisch vor.

Sie verspiegelt ein Liebesunglück mit der Geschichte vom Anfang und Ende einer Freundschaft zwischen zwei Frauen.

Die Autorin beherrscht virtuos die Kaltnadeltechniken der Realisten, die angelsächsische Ökonomie und Lakonie des Erzählens und das, was Flaubert als impassibilité bezeichnet hat: den leidenschaftslosen Umgang mit den Leidenschaften der Figuren. Aber diese auf 36 Buchseiten präzis erzählte Geschichte vom Kältetod der Gefühle ist nicht die ganze und nicht einmal die eigentliche story der Autorin. Ihre eigentliche Auskunft steckt im kalkulierten Mißverhältnis von Erzählanfang und Erzählschluß.

„Ganz genau erinnere ich mich an jenen Augenblick, als ich breitbeinig über meinem Koffer stand, mit einer Hälfte des Photos von Robert in jeder Hand, die Beine zitternd und mein Herz rasend in düsterem Triumph, als sei ich gerade, in der Gunst eines Augenblicks, weit hinausgeschleudert worden aus einer tödlichen Gefahr.“ Ein Abgrund des Vergessens trennt diese dramatische Schicksalssprache von den Bemerkungen des Anfangs, wo der emphatische Lebensaugenblick zu einer läppischen Lebensregel austrocknet: „... für einen Augenblick, der mir endlos erschien, war ich in eine vergessene Phase meines Lebens versetzt worden, in der auch ich versucht hatte, mich nach den unsicheren Anforderungen ferner Autoritäten zu richten.“

Der komplette Lebensstoff der Emma Bovary, Effi Briest, Anna Karenina ist hier Treibgut des Gedächtnisses. Zufällig weht er herein zwischen die Bruchstücke eines Gesprächs bei einem Drink: „Neulich abend saß ich mit einem Freund bei einem Drink, als mich der Anblick zweier Frauen am Nachbartisch mitten im Satz innehalten ließ“, so beginnt die Erzählung, die den Titel „Treibgut“ trägt.