Von Ulrich Schnabel

Karl Valentin konnte sich noch über die Wissenschaftssprache lustig machen: „Der Regen ist eine primöse Zersetzung luftähnlicher Mibrollen und Vibromen .. .“, definierte er fröhlich drauflos. Die Wirklichkeit hat die Satire des bayerischen Komikers inzwischen jedoch vielfach eingeholt. Sprachliche Leerformeln machen nicht nur die Politis, sondern auch wissenschaftliche Veröffentlichungen undurchdringbar. Hochrechnungen lassen erwarten, daß sich die Zahl der Naturwissenschaftler etwa alle dreizehn Jahre verdoppelt. Falls dies zutrifft, dann würde in den nächsten fünfzehn Jahren genauso viel geforscht und mehr veröffentlicht als in den fast 2500 Jahren seit Demokrit und Aristoteles. Wer soll diese Springflut des Wissens noch überschauen und bewerten?

Wolfgang Frühwald, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), vertrat in einer bemerkenswerten Eröffnungsrede anläßlich der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte vergangene Woche in Aachen die These, daß angesichts der rapiden Wissensvermehrung die Theorie des Nichtwissens, die „Agnoiologie“, künftig „wahrscheinlich wichtiger wäre als der Begriff der Wissenstheorie“. Die Begründung, warum im steigenden Meer des Wissens paradoxerweise das Unwissen zunehme, klingt einfach: Mit der Vermehrung des allgemeinen Wissens wachse logischerweise das individuelle Nichtwissen. Frühwald folgte argumentativ dem Edinburgher Professor David Daiches, nach dessen Auffassung jede neue Entdeckung, beispielsweise in der Astrophysik, jeden von uns, der kein Astrophysiker sei, um ebendiesen Erkenntnisschritt ärmer mache.

Insbesondere beklagte der DFG-Präsident die ungelöste Problematik der Informationsbewertung. Die Instrumente, welche vor allem die Geisteswissenschaften bereitstellten, muteten gelegentlich an „wie steinzeitliche Werkzeuge. im Zeitalter des Elektronengehirns“. Der Geisteswissenschaftler Frühwald forderte als „einfachste Form dessen, was an Bewertungsinstrumentarien entwickelt werden muß“, eine „Laisierung“ der Wissenschaft. Den Forschern schrieb er ins Stammbuch, sie dürften nicht das „esoterische Gespräch der Eingeweihten pflegen“. Sie müßten vermehrt ihre Erkenntnisse so aufbereiten, daß sie auch für geschulte Laien und die Kollegen anderer Disziplinen durchschaubar seien. So lasse sich die Informationsspreu vom Wissens-Weizen besser trennen und der dringend notwendige Dialog pflegen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Kulturen, die sich zunehmend auseinanderleben.

Es war kein Zufall, daß dieses Thema in Aachen zur Sprache kam. Denn die traditionsreiche Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte hat sich den Dialog zwischen den (naturwissenschaftlich-medizinischen) Disziplinen auf die Fahnen geschrieben. Alle zwei Jahre werden führende Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten als Referenten zu einem Thema eingeladen. Diesmal lautete es: „Horizonte – wie weit reicht unsere Erkenntnis heute?“ Schon 1872 hatte auf einer dieser Tagungen – damals fand sie in Leipzig statt – Emil Du Bois-Reymond ähnliche Befürchtungen geäußert und sein berühmtes „Ignorabimus“ (wir werden nicht wissen) ausgesprochen. Auf der diesjährigen 117. Versammlung kam mehrfach die Verständigungskrise zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, aber auch unter den Experten selbst, zur Sprache.

So projizierte Helmut Ringsdorf, prominenter Chemiker aus Mainz, zu Beginn seines Vortrages über Biomembranen ein Dia an die Saalwand, das ein Labyrinth von einzelnen Kästen mit hohen Mauern zeigte, in denen jeweils vereinsamte Wissenschafts-Karikaturen saßen. Genauso wie in diesen Kästen seien auch die einzelnen Fachdisziplinen voneinander getrennt, monierte Ringsdorf. Obwohl immer wieder der Versuch unternommen werde, die Mauern zu übersteigen, drücke die Informationsflut den Forscher doch stets in seinen eigenen Expertenkasten zurück.

Harald Fritzsch hingegen, ein bekannter Sachbuchautor und Physiker aus München, teilte den oft anklingenden Erkenntnis-Pessimismus nicht: „Vieles wird heute einfacher, als es früher war“, hielt er dagegen. Zumindest in der Physik sei eine Synthese erkennbar: Die Astrophysiker, zuständig für das Allergrößte im Universum, und die Elementarteilchenphysiker, die sich mit dem Allerkleinsten beschäftigen, träfen sich nun im „naturwissenschaftlichen Drama der Kosmologie“. Hier schließe sich ein Kreis, in dem viel Wissen aus ganz verschiedenen Bereichen vereinigt werde. Die Faszination, wie Erkenntnisse aus den großen Elementarteilchenbeschleunigern bei Cern in Genf oder Desy in Hamburg zunehmend auch für das Verständnis des Universums an Bedeutung gewinnen, sprang auch in Aachen auf das Publikum über. Fritzsch redete jedoch nicht einem platten Physik-Optimismus das Wort. Ob die Forschung auch in Zukunft zu einer steten Vereinfachung führe – manche hoffen gar auf eine „Weltformel“ –, das sei völlig offen.