Am Anfang ist – das muß in richtig spannenden Geschichten so sein – alles ganz idyllisch. David und Jonnie, obwohl gleich alt, doch Onkel und Neffe zweiten Grades, fahren mit ihrer Tante respektive Großmutter, für beide einfach nur „Klara“, in deren roten Flitzer zu ihrem Landhaus, um dort die Sommerferien zu verleben. Ein richtiges Kinderparadies ist das, mit Bergen voll Spielzeug, einem Garten mit Erdbeeren, einem Teich zum Angeln und einem kleinen Wald zum Höhlenbauen.

Doch dann – und auch das muß in richtig spannenden Geschichten so sein – fällt ein Schatten auf die Idylle. Im Haus fehlt Unvereinbares: ein Robin-Hood-Kostüm, Decken und Marmeladengläser. Jemand hat eingebrochen. Und als es in dem kleinen Wald, den David und Jonnie, als sie noch kleiner waren und nicht schon in die dritte Klasse gingen, den Zauberwald genannt haben, raschelt und knackt, stellt sich „so ein komisches Gefühl“ ein, „ein Abenteuergefühl, ziemlich aufregend und ein bißchen mit Angst gemischt“.

In ihrer Waldhöhle treffen die beiden den polnischen Jungen Krysztoff, der sich vor zwei Männern versteckt, mit denen er aus Polen nach Hamburg gekommen ist. Er wollte ihnen helfen, um ein bißchen Geld für seine Familie dazuzuverdienen, aber als vor dem Hotelfenster der drei ein Auto samt dubiosem Partner explodiert, beschließt Krysztoff, die beiden Ganster bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu verlassen und sich auf eigene Faust nach Hause durchzuschlagen. Die Jungen freunden sich an, David und Jonnie schmuggeln Lebensmittel ins Wäldchen, behalten ihr Geheimnis für sich, bis..., ja bis die beiden Männer, vor denen Krysztoff auf der Flucht ist, im Sommerhaus auftauchen und Klaras roten Sportwagen stehlen. Nun läßt sich Krysztoffs Anwesenheit vor Klara und den anderen Gästen, die inzwischen eingetroffen sind, nicht länger geheimhalten, und als David und Jonnie erfahren, daß die beiden Männer auf einem benachbarten Bauernhof als Saisonarbeiter untergeschlüpft sind, beschließen sie, den beiden nachts mit einer Kamera aufzulauern...

„Versteckt“ heißt der erste Kinderkrimi der Hamburgerin Doris Gercke, die sich mit ihren fünf Kriminalromanen um die schwergewichtige Privatdetektivin Bella Block innerhalb weniger Jahre in die erste Garde deutscher Krimiautorinnen geschrieben und dem Genre eine Poesie zurückerobert hat, die man durch den Sozio-Krimi hiesiger Provenienz lange verloren glaubte. Mit „Versteckt“ ist ihr das Kunststück gelungen, diese Poesie in eine kindgerechte Sprache zu übertragen, ohne an Dichte und Atmosphäre zu verlieren. Es ist – und das darf bei richtig spannenden Geschichten ruhig auch einmal so sein – ein kleiner, einfacher Plot, den sie wählt, unspektakulär, aber eindringlich. Er handelt weniger von Verfolgungsjagden und Detektivspielen als vielmehr von sich verändernden Stimmungen und seltsamen Träumen, vom Licht des Mondes, von Mißtrauen, Angst und Freundschaft, vom Fremdsein in einem fremden Land und davon, daß am Ende das Gute nicht notwendigerweise auf ganzer Linie siegt. Das macht richtig spannende Geschichten nur ehrlicher – eine Wahrheit, die auch Kindern ab neun Jahren schon zuzumuten ist. Und so endet Doris Gerckes beeindruckendes Debüt als Kinderbuchautorin fast ein wenig melancholisch, verhalten und so offen, wie Geschichten in der Wirklichkeit dies leider auch immer tun.

Kristian Lutze

  • Doris Gercke: Versteckt

Elefanten Press, Berlin 1992; 92 S., 19,80 DM