Von Swantje Strieder

Wie er so dasitzt beim Verhör und mit der rechten Hand unaufhörlich seinen linken Nasenflügel malträtiert! Stirnglatze, der leicht melancholische Blick des Süditalieners und so viele Haare auf den Armen. Sehen so Helden aus? Antonio di Pietro ist ein Mann, der im Dienst lieber T-Shirts als die schwarzrote Toga trägt. Ein Computerfreak im altmodischen Gerichtsbetrieb, der alle Daten und Protokolle selber speichert. Der große Unscheinbare, der gestern noch ein kleiner Untersuchungsrichter in Mailand war: 42 Jahre alt, eitel und ein Arbeitstier, das den Kollegen mit seinem Starrsinn auf die Nerven geht. Der, wenn wir seiner Mamma Gilda im tiefen Mezzogiorno glauben dürfen, schon als Kind halsstarrig behauptete: „Meine Mission ist das Gesetz!“

Der aufrechte Richter Antonio di Pietro ist plötzlich zum Idol der Jugend und zum Schrecken der Politiker geworden. Seine Geheimratsecken leuchten auf T-Shirts und auf Pin-ups. Nobeldiscos an der Adria veranstalten Solidaritätsnächte „Korruption, nein danke“ zu seinen Ehren. Er hat uns den Glauben an ein sauberes Italien zurückgegeben, sagen seine Fans.

Natürlich hat di Pietro auch jede Menge Feinde. Zum Beispiel Bettino Craxi, noch Chef der Sozialistischen Partei und bereits im Sog der Korruptionsaffären, der regelmäßig Schmutzkampagnen gegen den Unbestechlichen veranstaltet. Und das alles nur, weil dieser Richter seine Pflicht tat. Und damit ein Erdbeben auslöste.

Mani pulite, saubere Hände, heißt das Kennwort des größten Korruptionsskandals des Nachkriegsitalien, wo man schon immer viele schmutzige Hände im Spiel vermutete. Doch di Pietro und einige weitere mutige Kollegen brachten endlich Namen, Zeugen und Beweise.

Am 17. Februar hatte di Pietro Mario Chiesa festgenommen, den sozialistischen Verwaltungschef des Hospitals Pio Albergo Trivulzio, als der gerade einen Umschlag mit rund 10 000 Mark Bestechungsgeld von einem Putz-Unternehmer kassierte. Ein Routinefall, so schien es. Doch der kleine Fisch erwies sich bald als Riesenfang. Denn Mario Chiesa, ein enger Craxi-Freund, plauderte die Korruptionsmethoden von ganz Mailand aus. Così fan tutti, so machen es alle, war die Botschaft. Und als Craxi plötzlich von ihm abrückte und ihn einen „Spitzbuben“ schalt, war der geständige Chiesa nicht mehr zu bremsen. Zwei Exbürgermeister von Mailand, der eine Freund, der andere der Schwager Craxis, stehen nun auch unter Verdacht, Schmiergelder im großen Stil kassiert und weitergeleitet zu haben.

Stück für Stück konnte di Pietro das Puzzle zusammensetzen. In der lombardischen capitale morale, wo sich die Verwaltung im Gegensatz zum geschlamperten Rom so sauber gab, wurde über Jahre kein öffentlicher Auftrag, kein Quadratmeter Asphalt, kein U-Bahn-Bau, kein Ziegelstein, nicht einmal der Fensterputz ohne hohe „Parteispenden“ vergeben. Die tangeti (Bestechungsgelder) teilten die großen Politiker friedlich nach Proporz auf. Seither heißt Mailand nur noch „Tangentopolis“.