Was ist Logik? Der amerikanische Satirier Ambrose Bierce definierte sie als die Kunst des Denkens und Schließens in strenger Übereinstimmung mit den Unzulänglichkeiten des menschlichen Falschverstehens". Schade, daß Bierce, der Anfang dieses Jahrhunderts starb, die Künstliche Intelligenz (KI) nicht kennenlernen könnte.

KI-Forscher kommen im Herbst wieder zu Konferenzen zusammen, um sich darüber zu streiten, was KI überhaupt ist. Erstaunlich: Sie sind sich nicht einmal über den Gegenstand ihrer Forschung einig, nicht über die Bewertung des Erreichten, über die Methoden, die Ausbildung und auch nicht darüber, ob ihr Tun überhaupt Wissenschaft sei. Nur darin sind sie sich sicher, daß die Fördermittel weitersprudeln müssen, denn die Gesellschaft brauche Künstliche Intelligenz.

KI befähigt Computer, etwas zu tun, das beim Menschen Intelligenz erfordert – so lautet eine gängige, etwas hemdsärmelige Definition. KI-Leute beschäftigen sich zum Beispiel mit Computern, die gesprochene und handgeschriebene Sätze verarbeiten, die Auskünfte geben und Bilder interpretieren. Außer ihrem profanen Ingenieurdasein hat die KI indes noch eine philosophische Seele: In vielen tausend Aufsätzen beschäftigt sich die Zunft seit über dreißig Jahren mit dem Problem, ob Maschinen denken können.

Der Streit dreht sich, fast immer mit denselben Argumenten, fast immer um dieselben Fragen: Ist es überhaupt sinnvoll, Begriffe wie "Denken" auf Systeme anzuwenden, die einer Schreibmaschine ähnlicher als einem Menschen sind? Soll KI betrieben werden, um die menschliche Intelligenz besser zu verstehen, oder ist ihr Ziel tatsächlich die intelligente Maschine (und unser Hirn nur ein vorgefundenes Referenzmodell)? Entsteht Intelligenz, indem der Maschine digitale Symbole für Gegenstände der realen Welt eingepflanzt werden, mit denen sie dann geschickt operiert? Oder wächst Intelligenz in einem "neuronalen" Netz aus einfachen Schaltern heran, deren Zusammenwirken sich nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum schrittweise verändert? Für und gegen beide Ansätze gibt es gute Gründe, und ähnlich wie in der Popkultur wechseln sich die Moden ab, ohne daß eine Seite endgültig die Oberhand gewinnt.

Die streitenden Parteien bekommen überdies Konkurrenz von jenen KI-Forschern, die nicht nur einen Computer, sondern einen Roboter, also nicht bloß ein Hirn, sondern auch einen Körper konstruieren. Wir Menschen sind in der Evolution schließlich nicht deswegen intelligent geworden, weil das reine Denken, sondern weil das vom Denken geleitete Handeln Vorteile brachte. Aber kann ein Roboter "handeln"?

Kritiker aus den eigenen Reihen bemängeln, daß KI weniger durchdacht als die Philosophie und unschärfer als die restliche Informatik daherkomme. Außerdem kenne sie kein Maß, künde von großen Zielen und führe meist nur die Lösung von Spielzeugproblemen vor.

Das also soll etwas sein, was die Gesellschaft braucht? Ja, trotz alledem. Weil daraus eine Wissenschaft werden kann, die uns Einsichten über Intelligenz verschafft, indem sie mit Maschinen und Programmen herumprobiert. KI ist tastende Grundlagenforschung, die eben Zeit braucht. Dabei wird es immer wieder nützlichen spin-off geben: Was heute alltägliche Software ist, galt früher oft als Künstliche Intelligenz.

Gero von Randow