Von Udo Perina

Als der Bundeskanzler im Sommer 1991 Helmut Schlesinger zur Bestellung als Bundesbankpräsident gratulierte, wünschte er ihm "eine glückliche Hand". Der Wunsch Helmut Kohls erfüllte sich nicht. Noch nie zuvor sind einem Chef der Bundesbank innerhalb eines Jahres so viele Mißgeschicke unterlaufen wie dem 68 Jahre alten Schlesinger.

Dessen Pechsträhne hat dem Ansehen der Bundesbank schwer geschadet. Daheim geriet Schlesinger in den Verdacht, seine Unabhängigkeit gegenüber der Regierung in Bonn verloren zu haben, nachdem die letzte Leitzinssenkung schon vor dem Beschluß des Zentralbankrats vom Bundesfinanzminister angekündigt worden war. Im Ausland wirft man ihm vor, er sei mitverantwortlich für die Krise des Europäischen Währungssystems. Mit ungeschickten Bemerkungen über die Qualität der europäischen Währungen, so lautet der Vorwurf des britischen Finanzministers Norman Lamont, habe der Präsident der Bundesbank den Kursverfall des englischen Pfundes geradezu provoziert.

Und während sich Premier John Major und sein Außenminister Douglas Hurd gemeinsam mit der Bundesregierung bemühten, die Wogen wieder zu glätten, passierte Schlesinger der nächste Lapsus: Ein vertrauliches Schreiben an die britische Regierung, in dem er die gegen ihn gerichteten Vorwürfe zurückweist, reichte die deutsche Botschaft an britische Journalisten weiter – für London eine Brüskierung.

Der Wirbel um seine Person hat Helmut Schlesinger mitgenommen. Schon auf der Weltwährungskonferenz Ende September in Washington hinterließ er den Eindruck eines verunsicherten und angeschlagenen Mannes. Seine Antworten auf den Pressekonferenzen der deutschen Delegation kamen stockend und waren schlecht formuliert. Dem ohnehin unauffälligen Schlesinger gelang es diesmal noch weniger, aus dem Schatten Theo Waigels zu treten. Bereitwillig überließ er dem Finanzminister die Bühne.

Helmut Schlesinger, der am liebsten einen grauen Anzug und eine farblose Krawatte trägt, wird oft als blasser, humorloser Geldbeamter beschrieben. Er gilt als "streng, pflichtbewußt und pünktlich", als "klassische Verkörperung eines öffentlichen Bediensteten", wie es einer seiner engen Mitarbeiter ausdrückt. Aber Schlesinger kann auch liebenswürdig und orginell sein. Wenn er über Währungsstabilität und Inflation spricht oder über die schwierige Frage, was Geld eigentlich ist, dann flammt in ihm so etwas wie Leidenschaft auf.

Mit seinem "geschliffenen Verstand" habe Schlesinger schon als Student den bayerischen Finanzminister und Finanzwissenschaftler Terhalle tief beeindruckt, erzählt der Frankfurter Journalist Gerhard Czerwensky, der im Hörsaal der Münchner Universität eine Reihe hinter Schlesinger saß. Noch heute versteht es der Bundesbankpräsident, ein Fachpublikum mit wirtschaftstheoretischen Vorträgen zu fesseln. Wenn der langjährige Chefökonom – manche sagen Chefideologe – der Bundesbank jedoch über Themen sprechen muß, in denen er sich nicht sicher fühlt, dann werden seine Ausführungen schwammig, dann reagiert er ausweichend oder verweist auf Beschlüsse des Zentralbankrates.