Von Dorothea Hilgenberg

Die Szenerien sind so wechselvoll wie die Wege, die zu ihnen führen. Eben haben wir auf dem Plateau des Splügenpasses die Weite der Graubündner Bergwelt bewundert und die aus klobigem Felsgestein erbaute Straßenkreuzung, die reiselustigen wie kriegslüsternen Vorfahren als Verkehrsweg über die Alpen diente. Trotz des gewaltigen Gewichts hatten die Straßenbauer die Granitbrocken ordentlich aneinandergereiht und so fest im Gebirgsboden verankert, daß die holprige Trasse die Jahrhunderte überdauerte, obwohl sie von eisigen Winden, Soldaten und schwerbeladenen Fuhrwerken strapaziert wurde. Auf dem ausladenden Gipfelpunkt war man dem Himmel ganz nah – bis wir, nur ein paar Meter weiter, auf der Strada vecchia della Cardinell in nebelverhangene Schluchten abtauchten.

Der schmale, mit Felssteinen gepflasterte Pfad führt entlang der Bergwand über unzählige Biegungen und Treppen direkt nach Italien. Wasserfälle, die sich irgendwo in die Tiefe stürzen, sind zu hören, und die hohen Pfeiftöne der Murmeltiere. Sträucher und Wurzelwerk sind eins geworden mit dem alten Transportweg. Wir wandern auf Säumerpfaden, auf lange vergessenen und nach der Restaurierung in den Rang von Kulturwanderwegen erhobenen Verbindungsachsen.

„Via Roma“ haben stolze Heimatkundler etwas voreilig auf einen Brocken an der Felswand geschrieben – in der Hoffnung, daß der Cardinell wie Julier- und Septimerpaß römischen Ursprungs ist. Doch bedarf er kaum der Aufwertung durch die Antike. Auch für spätere Säumer, die sich mit ihren Lasttieren herauf- und herunterquälen mußten, war er Abenteuer genug.

Unter den lauten Rufen der Säumer schleppten ihre Maultiere Leder und Seide aus Lucca, Wein aus Zypern und Gewürze aus dem Orient auf die andere Seite der Alpen. Kein Tier ist so trittsicher und zuverlässig wie das Muli. Philippe Bridel, ein Zeitgenosse aus der Ära des Saumwesen, notierte im Jahre 1784, daß das Aussehen der „Landpferde“ zwar gering, ihre Geschicklichkeit aber unvergleichlich sei. „Fest und sicher gehen sie an den schrecklichsten Abgründen hin. Das Beste ist, sich gänzlich ihrem Instinkt anzuvertrauen.“

Mittel- und Nordeuropäer, die auf südländische Kultur und Genüsse nicht verzichten wollten, waren auf die Speditionsdienste der langohrigen Vierbeiner angewiesen. Mit zunehmendem Bewußtsein für Lebensstil wuchs auch die Bedeutung der Säumer. Sie hatten bereits im 14. Jahrhundert Genossenschaften, „Porten“, gegründet, die sich um die Pflege der Straßen kümmerten.

Vor den echten Gefahren konnte den Säumer indes keine Genossenschaft bewahren. Schaurigschöne Geschichten von Überfällen und Unwettern umwehen die alten Transportpfade. Von Säumern am beschwerlichen Septimer ist bekannt, daß sie nachts die Hufe ihrer Tiere umwickelten, um sich an den Wegelagerern unbemerkt vorbeizuschleichen.