Von Richard Schröder

Herr Schröder", sagt der Journalist am Telephon, "ich rate Ihnen: Setzen Sie sich nicht mehr für Stolpe ein. Da geht nächstens eine Bombe hoch, dann ist Stolpe weg, und Sie nehmen Schaden dabei." Die Bombe, das sollte ein Stasi-Kampforden sein. Eine Woche später gab ein anderer Journalist Entwarnung. Das hat sich zerschlagen, die Gauck-Behörde konnte den Verdacht nicht bestätigen. So etwas erlebe ich dauernd.

Hiermit erkläre ich, daß ich nicht bereit bin, solchen Schaden um jeden Preis zu vermeiden. Vorauseilendes Mißtrauen finde ich genauso unpassend wie vorauseilenden Gehorsam. "Sind Sie sich denn hundertprozentig sicher, daß Stolpe kein Stasi-Agent war?" Das könnte Ihnen so passen, daß ich Ihnen das Risiko Ihrer Urteilsbildung abnehme. Gegenfrage: Sind Sie hundertprozentig sicher, daß Sie morgen keinen Autounfall haben werden? Nein? Und trotzdem setzen Sie sich morgen wieder ins Auto?

"Es ist ehrenhafter, von einem Freund getäuscht zu werden, als ihm zu mißtrauen." Ich bitte freundlich, daraus nicht die Schlagzeile zu machen: "Auch Schröder hält es jetzt für möglich, von Stolpe getäuscht worden zu sein." Bis heute bin ich von Stolpe nicht getäuscht worden, nur manchmal überrascht und verwundert, auch über seine Verteidigungsstrategie, kurzzeitig auch einmal verunsichert, bis ich wieder alles, was ich von ihm und den damaligen DDR-Verhältnissen weiß, zusammengehalten habe, was bei der Aktenflut aus dreißig Jahren sehr anstrengend ist.

Ich habe nicht gewußt, daß Stolpe 1978 die DDR-Verdienstmedaille bekommen hat. Ich habe ihn aber auch nie danach gefragt. Sie wurde an jedem 7. Oktober zehntausendfach über das Land verteilt, am 7. Oktober 1989 übrigens noch eine Handvoll über die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität.

Noch vor den entsprechenden Veröffentlichungen habe ich aber erfahren, daß seinerzeit unter den Bischöfen über die Angelegenheit gesprochen und beschlossen worden ist, in Zukunft keine staatlichen Auszeichnungen entgegenzunehmen. Ordensentgegennahme sollte also nicht zu der "neuen Qualität" des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche seit dem Spitzengespräch vom 6. März 1978 gehören. Dieser Ablauf auf der "Vorderbühne" ist für mich entscheidend. Was außerdem noch auf der Stasi-"Hinterbühne" gelaufen ist, ist für meine Beurteilung nur interessant, wenn Stolpe es gewußt und den Seinen verschwiegen hat.

Ich habe Stolpe gefragt, ob er danach noch einen echten DDR-Orden bekommen hat. Gerüchte besagten ja, er habe im Dezember 1978 den Vaterländischen Verdienstorden und zum fünfzigsten Geburtstag den Stasi-Kampforden jeweils geheim überreicht bekommen. Er hat das verneint. Das gilt für mich bis zum Beweis des Gegenteils. Anders kann man gar nicht leben. Wer dem Mißtrauen stets den Vorzug gibt, kann nie seinen Geburtstag wissen.