Zum ersten Mal darf ich wieder den Boden Kurdistans betreten, ohne Gefangennahme oder Tod befürchten zu müssen. In Halabdscha bin ich geboren und aufgewachsen, Halabdscha im Nordosten des Irak, das Saddam Husseins Giftgas- und Napalmbomben innerhalb weniger Minuten von einer Kurlandschaft in ein Trümmerfeld verwandelt haben. Fünftausend Menschen starben, unzählige wurden verletzt, viele flohen. Das war vor vier Jahren.

Bei meiner Ankunft greife ich in die fruchtbare Erde der Sharazur-Ebene. Wie früher glaube ich den Duft des Getreides zu erkennen, spüre die klare Sonne auf meiner Haut. Meine Augen suchen ... und finden nichts, was ich kenne. Überall Trümmer. Kein Haus steht so, wie ich es erinnere. Wo sind die Wege, auf denen ich, noch ein Kind, mit meinen Freunden rannte und spielte? Wir hatten uns Pferde aus Zuckerrohr gebastelt und trugen ein Holzgewehr um die Schulter.

Wie ein Fremder sitze ich zwischen den Trümmern meines Geburtshauses. Vier Wände aus Stein und Lehm wurden hochgezogen, als Dach dient ein Wellblech aus den Beständen der Uno, die Fenster: mit Nylonfetzen bedeckte Löcher. Nur den Brunnen in der Mitte des einstigen Vorgartens finde ich wieder.

Ich setze mich neben meine Mutter. Eine Gruppe barfüßiger und kahlgeschorener Kinder in bunten, zerlumpten Kleidern blickt starr auf mich, als ich die Hände meiner Mutter küsse. Wenn ich ihnen in die Augen sehe, senken sie verschämt ihren Kopf, die Hände scheu ineinander faltend.

Geschenke habe ich nicht aus Deutschland mitgebracht, aus Angst, etwas für Menschen zu kaufen, die vielleicht nicht mehr am Leben sind. Ich wußte nicht einmal, ob meine Mutter noch lebt. Zwölf Jahre lang war die Erinnerung an sie, das Bild von ihr in meinem Kopf, der Motor meines Überlebens im deutschen Exil. Während der langen dunklen Winterabende in meinem kleinen Zimmer, während der tristen U-Bahnfahrten in Berlin, während der lauten Mittagessen in der Massenmensa dachte ich an ihre schwarzen weichen Haare, an ihre Bewegung, mit der sie lachend ihre Haare aus dem Gesicht streicht. Ich dachte, wie stolz ich als Junge mit meiner großen, schönen Mutter durch die Straßen des Bazars ging; wie ich mit ihr im Frühling in den Bergen grünen Salat sammelte. Sie sang dabei; ihre Lieder waren keine Liebeslieder. Sie besangen den Tod junger kurdischer Freiheitskämpfer. Wie betrunken schluchzten dann die mit uns arbeitenden Frauen, sobald sie die Stimme meiner Mutter vernahmen. Und die Fellachen, die am gegenüberliegenden Hügel mit ihren dürren Ochsen arbeiteten, hielten inne, um ihr zuzuhören.

Heute, nach zwölf Jahren, finde ich eine andere Frau wieder. Sie ist erst 52, doch vom Kummer der Jahre gezeichnet. Kleiner scheint sie mir, ihre Haare sind ganz grau geworden. Ich suche die kindlichen Züge in ihrem Gesicht, finde aber nur traurige Falten. Erst als sie spricht, erkenne ich ihren unschuldigen Blick und ihren ungebrochenen Stolz wieder. Ob sie noch singt bei der Arbeit? Ich frage sie nach dem Verbleib meiner Freunde und Bekannten. Einen Ast unablässig in die staubige Erde grabend, antwortet sie bei fast jedem Namen mit gesenktem Kopf: Allah hat auch ihn in sein Paradies aufgenommen.