Von Klaus Bednarz

Dem äußerlich mit sympathischer Bescheidenheit gestalteten Band ist der Satz vorangestellt: "Die Geschichten in diesem Buch sind alle wahr." Die Autoren haben gut daran getan, auf diese Selbstverständlichkeit, die ein Sachbuch von der Fiktion unterscheiden sollte, ausdrücklich hinzuweisen. Denn vieles, was sie in ihrem Report berichten, klingt, als handele es sich um eine Expedition in ein fernes Land. Es ist jedoch eine Reise durch das andere Deutschland, jenes Deutschland, das der Mehrheit in der Regel verborgen bleibt oder allenfalls an den Rändern der Gesellschaft, den schmuddeligen Vorhallen der Bahnhöfe, den verschwiegenen Ecken der Parks, den heruntergekommenen Eingängen der Obdachlosenheime, sichtbar wird.

Von Armut betroffen, so das ebenso schockierende wie alarmierende Resultat dieser Reise, ist schon lange nicht mehr nur der "Bodensatz" der Gesellschaft. "Keine Qualifikations- und Berufsgruppe bietet noch Schutz vor der Arbeitslosigkeit. Armut nistet sich auch dort ein, wo man es gar nicht vermutet." Am Beispiel eines Computerfachmanns, der über die Stationen Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe unaufhaltsam alle Stufen des sozialen Abstiegs durchlebt, wird dies ebenso deutlich wie bei der siebzigjährigen einstigen Obstverkäuferin, die von 435 Mark Rente im Monat leben muß.

Das Verdienst des Buches ist, daß es das nüchterne Zahlenwerk der alljährlich vorgelegten und oft geschönten Sozialstatistik am Beispiel von Einzelschicksalen mit beklemmendem Leben erfüllt. Dabei sind schon die Zahlen allein dramatisch genug. Aufgrund der neuen Meldepflicht registrierten die Versicherungsträger der alten Bundesländer 1990 6,3 Millionen Menschen in "geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen", das heißt, sie hatten ein Monatseinkommen von höchstens 480 Mark. Im Jahr 1987 hatte die Zahl nach offiziellen Angaben noch 2,3 Millionen betragen.

Die Armut, so die Autoren, verteilt sich auf viele Gruppen: auf Arbeitslose, Wohnungslose, Ausbildungslose, Alleinstehende, Kranke und Alte. Und sie ist keineswegs nur noch ein "Randgruppenproblem". Sie erreicht "ganz allmählich und schleichend" auch Durchschnittsverdiener.

Sehr einfühlsam und genau beobachtend beschreiben die Autoren die äußeren Erscheinungsformen der Armut, etwa in einer Suppenküche im Berliner Bezirk Kreuzberg: "Die jüngeren Suppengäste sind als solche zu erkennen und sehen trotzdem aus wie die alten. Die Körperhaltung der Verlierer. In jedem Gesicht die Spuren der langen und schmerzhaften Trennung von sich selbst." Sie vermitteln zugleich makabre Einblicke in die staatlichen Versuche, Armut bürokratisch zu verwalten. Bei einem Besuch in der Kleiderkammer des Sozialamtes der Stadt München erfahren sie: "Jedes Kleidungsstück muß einzeln beantragt werden. Für die Bedarfsermittlung gilt eine Empfehlung des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. Demnach stehen einem Berechtigten beispielsweise für fünf Jahre ein Wintermantel zu, drei Hemden für zwei Jahre, ein paar Winterstiefel für vier Jahre."

Für das gereizte Klima auf den meisten Sozialämtern, so stellen Gabi Gillen und Michael Möller fest, sind nicht nur der massenhafte Andrang verantwortlich und die heillose Überforderung der Beamten, sondern auch die Tatsache, daß das Sozialamt ein "Abstellgleis für Verwaltungsleute" ist. "Eine Versetzung in das Sozialamt gilt als Strafe."