ARD, Mittwoch, 14. Oktober, 23.00 Uhr: "Die Rache"

Rache ist süß, Rache ist blind. Süß ist der Eingriff in die undurchschaubare Kette der Ereignisse, wenn man glaubt, sie durchschaut zu haben, wenn man sich ganz sicher ist, etwas Rechtes und Gerechtes zu tun. Süß ist es, gerechtfertigt zu sein durch die Schuld eines anderen, durch ein unumstößliches Gesetz, das sich vom Vater auf den Sohn überträgt und dem Leben die nötige Schwere gibt. Süß ist es, zu wissen, wofür man lebt: wenn man als Rächer die Welt durchstreift, wenn man als Vater eines gemeuchelten Kindes dessen Mörder nach dem Leben trachtet. Süß ist der Glaube, ihre Vergeltung schaffe die Untat aus der Welt. Und bitter die Erfahrung, wie alle Süßigkeit von einem Rachevorsatz aufgezehrt wird, den man mit sich durch die Jahre schleppen muß.

Rache ist süß als heißes Gefühl, das sich vom frischen Blut der Untat nährt. Sie muß erblinden, wenn sie ohne frisches Blut überdauern will. Auf der Suche nach dem Mörder seines Kindes durchstreift der Vater die Weiten Chinas. Als er ihn endlich gefunden hat und zum Hieb ausholen will, erfaßt ihn eine plötzliche Schwäche. Unverrichteter Dinge kehrt er heim, sein altes Weib beklagt die Schande. Nun muß die Rache auf einen Sohn übertragen werden, den der alte Mann – so will es sein Weib – mit einer jungen Beischläferin zeugen soll. Die findet sich in einer blühenden Jungfrau, die geistig ein Kind geblieben ist.

Nein, ein Film wie dieser läßt sich nicht erzählen. Man muß sehen, wie diese Frau ihrem Sohn einen Schattenplatz vor der Gartenmauer richtet. Wie sie ihn auf dem Rücken durchs Gebirge trägt. Wie der junge Mann mit seinem eingepflanzten Lebenssinn fertig wird und welche krummen Wege nimmt, was einmal so gerade und gerecht erschien – all dies zeigt Anatoli Kim in wunderbaren, mythischen Bildern.

Kim ist ein Koreaner, der auf der sibirischen Halbinsel Sachalin aufwuchs; er gilt als einer der eigenwilligsten sowjetischen Autoren – und will auch jetzt als sowjetischer Autor verstanden werden, nicht als Vertreter einer ostsibirischen Minderheit. Die Archaik und mythische Allgemeingültigkeit seiner Geschichten teilt sich im Film unmittelbar mit. Was hier sichtbar geschieht, ist Zeichen für verborgenes Geschehen, das man nicht durchschauen oder verstehen will, sondern hinnimmt als etwas uralt Vertrautes. Der Bettelmönch, der eine junge Frau ermutigt, sich dem Bösen zu stellen, sich zu opfern und sich dem Mörder anzuschließen, um ihn vor weiteren Untaten zu bewahren. Die lichtlosen Gefilde von Sachalin, armselige Hütten, die verlassen scheinen und doch bewohnt sind; wo dieser eine Böse lebte, an dem die Rache sich erfüllen muß. Und wo der Rächer der zweiten Generation nur noch dessen hutzliges Weiblein findet, die einstige Schöne, die sich ihm geopfert und die ihn überlebt hat.

Und wie die Alte Kräuter schneidet für ein Süpplein und wie sich von fern das Unheil nähert, das moderne sowjetische Böse: die Unachtsamkeit, das Eisen, das sie töten und irgendeine blinde Rache blind vollstrecken wird: An einer langen Kette schlingert die rostige Tonne hinter einem bulligen Wagen drein, kracht in den Wegrain und zerkracht das zarte, alt gewordene Geschöpf ganz nebenhin.

Martin Ahrends