Auch im Jahre zwei der deutschen Einheit ist der wilde Osten das geblieben, was er seit dem Fall der Mauer war – ein Dorado für Wirtschaftskriminelle, Glücksritter, Nepper und Schwindler. Nach wie vor sind im Osten die Kontrollmechanismen des Staates nicht intakt, gibt es immer noch zu wenige Strafverfolger, die sich um die Profiteure der Einheit und ihre krummen Geschäfte kümmern. Die Ermittlungskapazität der Behörden wird durch Altlasten blockiert – die neuen Betrügereien bleiben liegen.

Gerade acht Staatsanwälte beim Landgericht Berlin in Moabit sollen sich – Stand Mitte August dieses Jahres – um 244 Ermittlungsverfahren in Sachen "vereinigungsspezifischer Wirtschaftskriminalität" kümmern. Dabei geht es nicht um Eierdiebstähle, sondern meist um komplexe Großverfahren mit zahlreichen Beschuldigten und Tatvorwürfen, die – wenn überhaupt – erst nach monate- oder jahrelangen Ermittlungen abgeschlossen werden können.

Kein Wunder: Wenn – fast – eine ganze Volkswirtschaft neue Besitzer findet, wenn viele Milliarden Mark an Subventionen fließen und die Ordnungsstrukturen noch weithin fehlen, sind die Gelegenheiten für Hasardeure allzu verlockend. Gewinn aus dem Ende der DDR sprudelte und sprudelt noch aus vielen Quellen in unrechtmäßige Hände: Fingierte Exporte in die Staaten des früheren Ostblocks mit märchenhaften Transferrubel-Profiten, illegale Grundstücksgeschäfte, Ausplünderung von ehemals volkseigenen Betrieben, veruntreute Gelder und sonstige Vermögen aus dem umfangreichen Besitz der SED, der Stasi, der Volksarmee – und das alles verquickt mit Bestechung und Bestechlichkeit.

Weil ein Ende des Notstands bei Justiz und Kripo nicht abzusehen ist, gewinnen Gauner und Schieber immer mehr Zeit, die Spuren ihrer illegalen Machenschaften zu verschleiern. Ihr Risiko, schließlich doch noch erwischt zu werden, schwindet von Tag zu Tag. Verbrechen lohnt sich, heißt die Botschaft auch an den ehrlichen Bürger – keine gute Startbedingung für die Marktwirtschaft im Osten.

"Staatsanwälte, Wirtschaftsprüfer, Polizisten – an allem fehlt es hier", klagt Staatsanwalt Hans Richter über die "kriminogenen" Zustände in Berlin und dem übrigen Ostdeutschland. "Jeder Tatwillige wird doch derzeit zur Tat geradezu eingeladen. Denn er weiß ganz genau, daß in den neuen Bundesländern sowieso niemand da ist, der ernsthaft ermitteln und Beweise sichern kann."

Richter kennt sich aus. Seit Februar 1991 leitet der Wirtschafts-Staatsanwalt aus Stuttgart eine Stabsstelle der Treuhandanstalt für "Besondere Aufgaben", die nach dubiosen Deals bei der Privatisierung der DDR-Wirtschaft forscht.

Auch Uwe Schmidt weiß, wovon er redet. "Absichtlich oder unabsichtlich – wir werden sabotiert", schimpft der Cheffahnder für Wirtschaftsfälle bei der ZERV, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität in Berlin. Erst nach monatelangem Gezerre mit der Bonner Regierung und dem wohlausgerüsteten Bundeskriminalamt, das sich strikt weigert, helfend in der Hauptstadt einzuspringen, wurde die ZERV Mitte 1991 mit einer Sollstärke von 400 Beamten installiert – nicht, mal die Hälfte der Stellen ist bis heute besetzt. Auch beim Geld für moderne technische Ausrüstung hapert es. Schmidt: "Unsere Widersacher fahren geleaste Audis und Mercedes, wir Wartburgs und schrottreife Golfs und Passats."