ARD, Freitag, 2. Oktober: Bios Bahnhof Potsdam

Nun steh’ ich hier und mach’ diese Sendung – das ist doch schon was“, sagt Alfred Biolek, der in roten Hosen zu Potsdam vor der Kamera posiert und sich beim Ostvolk dafür entschuldigen muß, daß die Wiedervereinigung mißraten ist. In der Montagehalle des teilabgewickelten, personell auf ein Viertel geschrumpften Maschinenbaubetriebs Babelsberg („Der Zirkus“) zelebriert der alte Clown eine Feier zur Einheit, die nichts beschönigen will, unzufriedenen Ossis das Wort gibt und weiß: Viel mehr als Bio in roten Hosen zu Potsdam hat die Einheit nicht gebracht. „Das ist doch schon was“, gewiß, aber es wiegt leicht im Vergleich zu den Schrecken des Ausverkaufs Ost.

Eine brave Idee, statt hehren Jubels eine Mecker-Show zum 3. Oktober steigen zu lassen, eine Show, die Glamour mit Kritik paart und nicht nur Pop-Stars, sondern auch Betriebsräte, Arbeiter und Ingenieure aus dem „Zirkus“ sowie Regine Hildebrandt aufbietet. Nur funktionierte sie leider nicht. Das saturierte, sinnlose (und nur als sinnloses zur Not erträgliche), opulente westliche TV-Showgeschäft, das alles, was sich ihm nähert, mit seiner dickfelligen, dreisten, feisten Süffisanz ansteckt, verträgt sich nicht mit den ermüdenden, deprimierenden, beschämenden Sorgen der neuen Bundesbürger.

Alfred Biolek mag Verdienste um das westdeutsche TV-Wesen erworben haben, er bleibt ein Kind der erwähnten Süffisanz. Mit seiner dicken Stimme und seinem schicken Schlips erreicht er im Lande der mageren, traurigen Ost-Vettern gerade nicht die erwünschte Verständigung, sondern im Gegenteil eine Vertiefung des Grabens – schon durch den Kontrast, den seine roten Hosen zur armen Zone bilden, die immer noch grau ist.

„Wieviel Mitwirkende – äh – Mitarbeiter hat der Betrieb?“ fragt Bio einen Maschinenbauer – als wär’ die ganze Welt ’ne Fernsehshow. Was immer er die Brandenburger Arbeiter fragt – deren Namen er sich nicht merken kann: „Herr ...äh...“ –, man spürt, daß es ihm schnurzpiepe ist, wie die Antwort lautet. Alles Show, alles aufgesetzt, gemimt, gewirkt. Macht nichts, gehört dazu, show biz is like this, aber wenn man die Ost-Misere neben Bio auf die Bühne packt und Bio augenrollend bannen läßt: „Warum verstehen wir Wessis die Ossis nicht?“, dann wirkt die Ost-Misere vorgeführt und ausgeschlachtet und der ganze „Zirkus“ widerwärtig.

Einen Höhepunkt bot der Abend: Regine Hildebrandt, die den Westen abwickelte und ausmalte, wie das wohl wäre, wenn der Sozialismus gesiegt und vom Bonner Parlament bis zur AOK („brauchen wa nich“) alles in den Orkus geschickt hätte. Die feurige Brandenburgerin, deren Showtalente die Bios um etliche Karat überstrahlten, nahm sich mehr Zeit, als ihr zustand, und hielt mit ihrer wundervollen Stimme eine Volksrede, in die sich Funken jenes der Verzweiflung abgetrotzten Humors mischten, der als einziger zur Lage paßt.

Stumm stand Bio da in seinen Hosen, als die Hildebrandt gegangen war. Diese Zurückhaltung, dieser Verzicht darauf, der Ministerin einen Eimer Süffisanz hinterherzugießen, war Bios hervorstechende Leistung an diesem Abend.

Barbara Sichtermann