Von Maria Huber

Der vergangene Freitag brachte ein Novum: den Gleichstand im freien Fall. Für 100 Dollar zahlten die Wechselstellen der russischen Staatsbank 30 600 Rubel aus. Und zum ersten Mal konnten auch die Schwarzhändler keinen höheren Kurs bieten.

Wer heute in Moskau Zehn- oder Hunderttausende Rubel parat hat und in eine Währung investieren oder einfach Westwaren kaufen will, der muß sich nicht mehr an die Schwarzhändler wenden oder vor einer Auslandsreise stundenlang bei der unbequemen und unattraktiven Filiale der Nationalbank anstehen.

Getauscht wird unbegrenzt. In der kommerziellen Avtobank sagt eine junge Angestellte: „Wenn wir Devisen haben, verkaufen wir sie an jedermann. Aber natürlich nur, wenn es sich für uns lohnt.“ Das Geschäftsinteresse der kommerziellen Banken hat die rigiden Umtauschregeln der Staatsbank stillschweigend unterlaufen. Die Banken erkundigen sich mittlerweile schon bei der Konkurrenz, den Schwarzhändlern, nach deren Wechselkursen. Schwarzmarkt und offizieller Markt gleichen sich an. Eigene Wechselkurse bieten auch viele der aus dem Boden schießenden Kioske an, die auf Moskaus Straßen jetzt westliche Zigaretten, Getränke und minderwertige Massenprodukte für hohe Rubelpreise verkaufen.

Auf der neuen 20-Rubel-Münze aus Nickel prangt jetzt zum ersten Mal ein Doppeladler statt Hammer und Sichel. Das russische Parlament, dem die Zentralbank formal unterstellt ist, hat das von der Zarenzeit inspirierte Staatssymbol zwar nicht genehmigt. Doch die Notenbank ist auf patriotischem Kurs. Sie schwingt sich überdies zum Retter von Rüstungsbetrieben und Rohstoffproduzenten auf. Mit einem 500-Milliarden-Kredit an diese Branchen und an die Landwirtschaft hat Zentralbankchef Viktor Geraschenko den monetären Stabilitätskurs des amtierenden Ministerpräsidenten Jegor Gajdar ungerührt korrigiert. Zu Beginn dieser Woche bestand Geraschenko im Parlament darauf, das alte sowjetische System der – je nach Art und Zweck des Geldwechsels – unterschiedlichen Wechselkurse wiedereinzuführen. Davon war Gajdars Regierung erst am 1. Juli abgerückt, um die innere Konvertibilität des Rubels einzuleiten. Doch seither meldete die Devisenbörse noch dramatischere Kursstürze des Rubels als zuvor.

Boris Jelzin, dessen Ansehen bei der Bevölkerung zusammen mit dem Währungskurs immer weiter sinkt, hat sich Dienstag im Parlament auf die Seite Geraschenkos geschlagen und damit den bisherigen Kurs seiner Regierung verlassen. In feierlichem Schwarz verkündete er den mehrheitlich konservativen Volksvertretern, mit welchen Mitteln er das Währungschaos beenden will:

  • einem allgemeinen Verbot, auf russischem Boden ausländische Währungen als Zahlungsmittel zu benutzen;
  • der Verpflichtung der Unternehmen, ihre gesamten Devisenbestände an den Staat zu verkaufen;
  • dem freien Verkauf von Devisen zum Marktwert an Unternehmen, Betriebe und Bürger, damit der Import nicht zum Erliegen kommt.