Schwerin

Die Dämmerung senkt sich über Schwerin, kräftiger Wind kräuselt die dreizehn Seen. Zwischen ihnen liegt das hübsche Hauptstädtchen von Deutschlands, ärmstem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. In Hauseingängen drücken sich unauffällig Herren mit Sprechfunkgeräten herum und bewachen Parlament und Rummelplatz, während im Deutschkndfunk der Landtierarzt und Ministerpräsident Berndt Seite von zufriedenen Landeskindern schwärmt und von seiner Tatkraft, die seit seiner Zeit im Neuen Forum, das war im Herbst 89, nach gewachsen sei. Er ist der einzige, der in diesen Tagen solch ungebrochene Töne anschlägt. Seht man einmal vom Lokalsender ab, denn auch der beginnt seine Nachrichten mit Erfolgsmeldungen; vierzig Jahre Jubel-Schulung sind nicht zu überhören.

Am 3. Oktober ist der Schweriner Dom brechend voll. Davor, in der Sonne, haben sich ein paar hundert Leute versammelt. Die Hälfte sind Sicherheitskräfte, die anderen Reporter, Schaulustige, einige Kohl-Fans, einsame Protestierer mit Plakaten und dreißig Mädchen und Jungen aus Hamburg, Halle und Ostberlin, dem Äußeren nach Autonome. Während sie herumblödeln und die Polizei vorsichtshalber Armschienen und Schilde aus den Kofferräumen holt, liest im Dom der Landesbischof den versammelten Politikern die Leviten. Dann öffnet sich das Tor, die Gemeinde strömt heraus und „Pfui“- und „Helmut, Helmut“-Rufe ertönen. Doch der Kanzler hat sich längst durchs Küsterpförtchen abgesetzt.

Statt seiner wandeln Volker Rühe und Norbert Blüm durch die Gassen der Altstadt. Rühe einsam, der Sozialminister von weißhaarigen Damen bedrängt, die Autogramme fordern. Plötzlich tauchen Autonome auf und brüllen: „Wo ist Rühe?“ Der zeigt Verteidigungsminister-Qualitäten und taucht blitzschnell ab. Norbert Blüm hingegen hält dem Ansturm tapfer stand. Er zuckt nicht, als ehe leere Cola-Dose fliegt, nicht einmal, als Knallkörper detonieren, und selbst gegen dümmste Beschimpfungen versucht er zu argumentieren.

Schließlich wirbeln Vermummte heran: eine Spezialeinheit der Polizei. Als die Lage übersichtlicher wird, bekommt es der Rest der Randalierer mit den Schweriner Bürgern zu tun. Doch bald schon bilden sich Grüppchen, und aus gegenseitigen Beschimpfungen: „Ihr Kommunisten – ihr seid ja keine Deutschen!“ – „Du Konsumterrier!“ werden Gespräche. Mitunter keimt sogar Verständnis füreinander auf.

Ringsum läuft das Volksfest mit Bratwurst, Brauchtumspflege und Bijouterien. Die Schweriner schlendern zwischen den Marktbuden umher, genießen die letzten Sonnenstrahlen vor dem Herbstregen und die Abwechselung eines Feiertags. „Es ist wie beim DDR-Geburtstag“, sagt einer. Er meint das nicht einmal sarkastisch. Wie damals sind Essen, Tanzen und Kaufen das wichtigste, diesmal Schnäppchen statt Mangelware. Und wie früher werden politische Informationsstände und Diskussionsforen gemieden. Dabei sind gerade die bemerkenswert: ob Rita Süssmuth oder Eberhard Diepgen, überall neue Nachdenklichkeit statt Jubel.

Zur Gegenveranstaltung mit dem Marabu Stefan Heym und dem agilen, knitterfreien Gregor Gysi kommen am Nachmittag statt der erwarteten hunderttausend nur fünftausend Demonstranten, und das obligate Ei verfehlt den Kanzler. Trotzdem läßt Kohl die tausend Fans und Neugierigen, die fast zwei Stunden seiner harrten, im Stich. Im Gegensatz zum kühnen Blüm – der flankt über eine Absperrung ins Volk – dreht der Kanzler nach dem Staatsakt im Theater ab. Das protokollarische Bad in der Menge wird zum Hindernislauf zwischen zweihundert Journalisten und Polizisten über fast unbelebte Straßen und Plätze. Dann läßt er sich ausfliegen.