Was wird von dieser Weltausstellung bleiben? Kein Kristallpalast wie in London, kein Eiffelturm wie in Paris, kein Habitat wie in Montreal, kein Atomium wie in Brüssel. Die Pavillons sind vorausbestimmt zum Abgerissenwerden. Ein großes Symbol hat es nicht gegeben. Die ganz eindrucksvolle Magnetbahn verliert ihren Sinn, wenn sie dann nur noch von Nirgendwo nach Nirgendwo fährt. Mit zwei Massenrummeln im selben Jahr, den Olympischen Spielen in Barcelona und der exposiciön universal in Sevilla, hatten sich die Spanier doch ein bißchen übernommen. Wir suchen noch nach Gastgebern oder Gästen, die dabei richtig glücklich waren. Vom heiteren Sevilla des Barbiers war wenig zu spüren.

Die Ergebnisse von Barcelona wurden in Sevilla auf den Kopf gestellt. Auf dem Siegertreppchen standen hier die Engländer. Ferner liefen Deutschland und die USA. Letztere hatten sich, anders als früher, nicht viel Mühe gegeben mit dem Interieur eines Wohnhauses, einem Kino, einem Gruß aus Kansas City, der Patenstadt Sevillas, und einer Huldigung an ihre Verfassung.

Der deutsche Pavillon wirkte mit seinem von einem 55 Meter hohen Mast getragenen Ellipsendach von außen noch ganz passabel. Drinnen aber wurde es peinlich. Anscheinend hatten sich dabei fünfzig Leute etwas gedacht und jeder etwas anderes. Einer wollte die Mauer und das Brandenburger Tor zeigen, mußte sich aber auf Andeutungen beschränken. Einer wollte klarmachen, wie wichtig die Umwelt ist, und erfreute die festfrohen Besucher mit verdreckten Gewässern und einem sterbenden Baum. Draußen drehten sichauf einem Karussell Mutter Courage und Don Juan als Puppen; drinnen gab es auch Puppen, aber da hießen sie Kepler und Einstein, stellten also berühmte deutsche Naturwissenschaftler dar, lauter Männer natürlich. In einer anderen Ecke wurde der Traum vom Fliegen beschworen mit Flugzeugteilen und Videos. Wer nicht einzusehen vermochte, warum nun gerade die Deutschen Luftfahrt zu einem Gegenstand nationalen Prestiges machten, wurde belehrt: Der erste Zeppelin auf dem Fluge nach Südamerika ist in Sevilla zwischengelandet. Es wurde überhaupt ziemlich viel belehrt. Nur zweimal fand ich Deutschland treffend portraitiert: durch ein Schild, das auf einen Empfangsraum für VIPs hinwies; und durch ein Restaurant, in dem die Hälfte der Tische leer war, freigehalten durch „Reservado“-Schilder.

Für niemanden war reserviert im angenehmeren, größeren, kühleren Pavillon der Engländer.Im weitläufigen, erfolgreich klimatisierten Restaurant fanden offenbar alle, die Englisch sprechen, eine willkommene Zuflucht. Zu original englischen Gerichten gab es, was für viele anziehender gewesen sein mag, englische Getränke: Whisky und sogar englischen Wein, vor allem jedoch mild und bitter, Guinness und Lager vom Faß. Im Freien sorgten späte Nachfahren der Beatles für Stimmung.

Darüber die Ausstellung selber, verständlich gemacht durch eine Gliederung in die vier Elemente Erde, Feuer, Luft, Wasser. Wobei die Inselnation mit dem Wasser den produktivsten Umgang pflegte. Von allen anderen Pavillons hob sich der britische aufsehenerregend ab durch eine riesige Wasserkaskade, die an der gesamten Vorderfront herablief. Die Energie, um das Wasser wieder hinauszupumpen, wurde gewonnen aus gewaltigen Solarzellen auf dem Dach. Mitten in der heißen Wüste Sevillas war eine Insel englischer Art entstanden: cool.

Was auf einer solchen Ausstellung preiswürdig ist, darüber entscheidet nicht der Reporter, darüber entscheidet auch keine Jury, darüber entscheidet „das Volk“. Wo Schönes und Interessantes (in Sevilla dazu: Kühles) locken, da bilden sich lange Schlangen. Vor dem britischen Pavillon waren sie oft länger als fünfzig Meter. Bei den Amerikanern und bei den Deutschen gab es keine.

Leo