Von Andreas Kilb

Ferienbilder. Ein Fischerdorf in der Bretagne, Charles und Félicie. Die beiden auf einem Boot, in einer Restaurantküche, am Strand. Der erste Kuß, die erste Nacht. "Du bist unvorsichtig", sagt Charles im Bett zu Félicie. Dann wieder Muscheln, Steine, Liebe und Meer.

Am Bahnhof, Ferienende: Félicie gibt Charles ihre Adresse. "35, rue Victor Hugo ... in Courbevoie." Dann steigt sie in den Zug nach Paris. Aber als sie ankommt, nimmt sie einen Bus der Linie 94 nach Levallois. Und als sie aus dem Bus aussteigt, liest man auf einem Schild: Levallois. Levallois und Courbevoie sind zwei westliche Vororte der Hauptstadt. Félicie hat sie verwechselt. Ein Lapsus. Eine Unvorsichtigkeit. Ein kleiner, furchtbarer Fehler.

Die nächste Szene beginnt mit einer Einblendung: "Fünf Jahre später".

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Vor fünf Jahren hat Eric Rohmer mit "Der Freund meiner Freundin" seinen zweiten Filmzyklus beendet: "Komödien und Sprichwörter". Der erste Zyklus, "Moralische Geschichten", endete 1972 mit "Die Liebe am Nachmittag". "Wintermärchen" ist der zweite Film des dritten Zyklus: "Geschichten der vier Jahreszeiten".

Rohmer ist der einzige Regisseur auf der Welt, der seine Filme nach Zyklen ordnet. Und es sieht nicht so aus, als fände er je einen Nachfolger für diese Art, mit den Mitteln des Kinos Geschichten zu erzählen. Eric Rohmer wird im Dezember zweiundsiebzig Jahre alt. Die Vollendung der "Vier Jahreszeiten" könnte auch der Abschluß seines Lebenswerkes werden.