Von Dieter E. Zimmer

Stimmt ja, die Rechtschreibreform, die war da auch noch. Seit 1980 grübelten in amtlichem Auftrag 24 Sprachwissenschaftler aus den vier deutschsprachigen Staaten, wie man unserer Orthographie zu etwas mehr innerer Logik verhelfen könne. Als sie 1988 mit ersten Vorschlägen an die Öffentlichkeit traten, erhob sich ein gar gewaltiges Geschrei, hauptsächlich weil sie an einigen Stellen in die gewohnte Schriftgestalt der Wörter eingreifen und etwa Al, Bot und Keiser schreiben wollten. Dann verschwand einer der vier Staaten plötzlich von der Bildfläche, und die Leidenschaften warfen sich auf Wichtigeres.

Die Experten aber haben weitergemacht und das Werk ihrer Mühen jetzt den zuständigen Verwaltungen übergeben – in der Bundesrepublik der Kultusministerkonferenz („Deutsche Rechtschreibung: Vorschläge zu ihrer Neuregelung“, herausgegeben vom Internationalen Arbeitskreis für Orthographie; Narr Verlag, Tübingen; 218 S., 38 Mark). Bis 1995, so der Zeitplan, sollen die sich darüber klargeworden sein, ob die deutsche Rechtschreibung in den Schulen und im Behördenverkehr und damit überall wirklich reformiert wird, und wie.

Die Vorschläge kommen in einem ungünstigen Moment. Der Öffentlichkeit wie den Politikern dürfte zur Zeit jedweder Neuerungsbedarf vergangen sein. Sie werden wenig Neigung haben, sich zusätzlich zu all den anderen Sorgen auch noch darum zu raufen, wie das vereinte Volk schreiben soll – und ihm am Ende einen weiteren Abschied von Gewohntem zuzumuten.

Dabei ist die Diagnose überhaupt nicht strittig. Die deutsche Orthographie hat seit ihrer ersten einheitlichen Festlegung im Jahre 1901 unter der Regie der „Duden“-Redaktionen eine Menge Skurrilitäten entwickelt, die nicht nur Schüler peinigen, nicht nur Ausländer in der Meinung bestärken, Deutsch sei eine unlernbare Sprache, sondern die jedem, der alle Winkel der Orthographie zu verstehen und sich zu merken sucht, schlichtweg als Verhöhnung vorkommen. Auto fahren, aber radfahren; kopfstehen, aber Schlange stehen; Substanz, aber substantiell; das mindeste, was er tun kann, aber das Geringste, was ... – daß hier eine gewisse Unfugentsorgung angezeigt wäre, darin dürfte sich das Volk einmal einig sein.

Unter all den Nebensachen der Welt ist die Rechtschreibung jedoch eine der heikelsten. Was wir uns so mühsam aneignen, wird uns ganz besonders teuer. Was wir automatisch zu beherrschen lernen, wird sozusagen zu einem Teil der Person, so daß uns jedes Ansinnen, daran etwas zu ändern, fast wie eine Körperverletzung vorkommt. Im Vergleich auch zu denen von 1988 sind die neuen Empfehlungen sehr moderat; eigentlich sollten sie sich ruhig diskutieren lassen. Aber weiß man’s? Wenn aber auch sie wieder in einem entrüsteten Buh untergehen, ist für die nächsten hundert Jahre an keine Unfugbeseitigung mehr zu denken.

Beim Reizthema von 1988, das alles andere vergessen machte, beim Kapitel „Laut/Buchstaben-Zuordnung“, also bei der eigentlichen Schreibung der Wörter, hat die Reformkommission zurückgesteckt: Der Kaiser, das Boot der Aal – das alles soll unangetastet bleiben. Es hat sich wohl die Einsicht durchgesetzt, daß da sowieso nichts zu machen ist. Das Deutsche hat eben Laute, die aus historischen, heute nicht mehr für jedermann nachvollziehbaren Gründen mal so, mal so geschrieben werden (Mal/Wahl/Aal; Sold! sollt). Der Eingriff, der da System hineinbrächte, müßte so radikal sein, daß ihn niemand wünscht. Hier und dort ein wenig daran herumzubessern, wie es die Vorschläge von 1988 vorsahen, hätte wenig Sinn: Es brächte nur die Schreibenden gegen die ganze Reform auf, ohne daß es die Ungereimtheit des Ganzen beseitigte.