Ohne Wechsel in Bonn sei keine Abhilfe bei den Problemen der inneren Einigung zu schaffen – so stand es im Leitartikel der vorigen Ausgabe der ZEIT. Wer Robert Leicht kennt, der weiß: Er hat sich die Forderung nach Kanzler Kohls Abberufung nicht einfach gemacht. Ich meine dagegen: Ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Kohl ist zwar möglich, würde der Bundesrepublik aber schaden.

Ich denke dabei vor allem an einige wichtige Leistungen von Kohl: Der europäische Währungszusammenschluß ist umstritten; kommt er zustande, wäre er ein säkularer Fortschritt. Ohne Helmut Schmidt wäre er sicher nicht auf den Weg gekommen. Ohne Kohls Überzeugungskraft und Beharrlichkeit (zwei der typischen Kennzeichen für Kohl) wären die Verhandlungen schon im Vorstadium gescheitert. Nach der Abstimmung in Frankreich wäre alles nur noch ein Trümmerhaufen. Kohl erweckt Vertrauen. Das gerade brauchen wir.

Und dann die Lüge von der Lüge: Vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik verhandelten die Spitzen beider Regierungen darüber, welches Vermögen die DDR-Bürger bei der Wiedervereinigung einbringen würden. Viel jedenfalls. Denn das Eigentum an industriellem und landwirtschaftlichem Vermögen in der DDR gehörte zwar dem Staat, stand aber den Bürgern zu. Da die Bundesrepublik die DDR „übernahm“, müßte sie die Werte (abzüglich der Schulden) bezahlen. Also müßten die Repräsentanten der DDR zunächst sagen, was denn der Wert jenes Vermögens sei.

Modrow – er war noch Ministerpräsident – schätzte kühn 1200 Milliarden Mark. In den Verhandlungsunterlagen findet man, auf welche Weise die 1200 Milliarden an die DDR-Bürger ausgeschüttet werden sollten.

Modrows dann demokratisch gewählter Nachfolger war Lothar de Maizière. Er ermäßigte die Schätzung gleich auf 800, dann auf 600 Milliarden; später – im Zuge der genaueren Schätzung – auf 400 Milliarden. Auch diese Zahl platzte, als eines Tages Rohwedder erklärte, es sei überhaupt nichts zu verteilen; die Schulden seien höher als die verbliebenen Werte. – Daß die „Werte“ geringer sein würden, als anfangs geschätzt, war selbst dann noch nicht zu erkennen. Kohl blieb bei seiner Annahme, Kredite seien zur Übernahme der DDR nicht erforderlich, auch nicht zum Start des Wiederaufbaues. Das war eine Schätzung, die grausam widerlegt worden ist – die SPD nannte sie sogleich als wissentlich falsch, also eine Lüge; als „Steuerlüge“ war sie Wahlkampfmunition, sehr nützlich und wirksam. Lange habe ich auf irgendeinen Beleg gewartet, daß Kohl gewußt habe von der katastrophalen Lage der DDR. Lafontaine sprach damals noch von dem „intakten Industrieland DDR“.

Karl Schiller (SPD), einer der besten deutschen Ökonomen, ein Experte von Weltruf, hat in jener Zeit zweimal im Fernsehen mit Schärfe erklärt: Darlehen sind nicht nötig, wir wissen ja gar nicht, welche Werte und Kräfte in der dort neuen Marktwirtschaft frisch geboren werden. Er hat sich geirrt – nach Kohl, in genau der gleichen Weise. Wer heute noch von Kohls „Lüge“ spricht und weiß, daß er für den bösen Glauben von Kohl und Schiller keine Beweise hat, ist der eigentliche Lügner.

Der Kanzler habe uns nicht bewußt in die Irre geführt, hieß es im Leitartikel der vorigen Ausgabe. Gleichwohl schmerzt es mich, wenn mein Freund Robert Leicht seine Kritik an Kohl unter das Stichwort der „Wahrheiten“ stellt. Gorbatschow und Jelzin haben Kohl – am Verhandlungstisch ihr Gegner – Vertrauen geschenkt, in ganz unerwarteter Weise. Kohl – und er allein – hat den Frieden mit der Sowjetunion erreicht, die Wiedervereinigung ohne Kriegsgefahren – wer hätte das für möglich gehalten.