Von Elie Wiesel

NEW YORK. – Etwas stimmt nicht in Deutschland. Man muß blind oder böswillig sein, um das nicht zu erkennen. Die Unruhen von Rostock und die Schändung jüdischer Gedenkstätten wie in Sachsenhausen sind Symptome einer schlimmen Lage, die gründliches Nachdenken verdient: Wie ist es heute, da die Erinnerung an die Zeit der Nacht noch lebendig ist, möglich, daß Jugendliche ihre Verachtung der Ausländer und ihren Haß gegen die Juden ostentativ zur Schau tragen? Haben sie denn nichts gelernt? Ist ihnen nicht klar, daß ihre fremdenfeindliche und antisemitische Ideologie gerade jene Dämonen verherrlicht, die unter Adolf Hitler das deutsche Volk der übrigen Menschheit entfremdet hat?

Es gab eine Zeit, da war ich überzeugt, Deutschland würde sich nie wieder von der Gewalt und der Häßlichkeit des Antisemitismus verführen lassen. Ich sagte mir, es werde eines der wenigen Länder der Erde sein, in denen der Haß kein Wohnrecht mehr hätte; künftige Generationen würden immun sein, nachdem dieses Land anderen menschlichen Gemeinschaften so viel Unglück, so viele Erniedrigungen zugefügt hat.

Ich habe mich getäuscht. Ich sage das voller Trauer. Die Skinheads und ihre Sympathisanten beweisen es. Zwar gibt es noch nicht viele Neonazis, doch gäbe es auch nur zehn, es wären zu viele. Ich stimme dem Journalisten A. M. Rosenthal zu: Lassen wir die Wortspielereien, Neonazis sind Nazis.

Wer ist schuld? Das ganze Volk? Ich glaube nicht an die Kollektivschuld. Die Führung? Ich kenne sie nicht gut genug. Die Lehrer? Ich richte nicht gern. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Doch es ist die Aufgabe und die Pflicht des Zeugen – und wir alle sind Zeugen –, zu sprechen, wachzurütteln und Alarm zu schlagen – eben Zeugnis abzulegen.

Und der Zeuge in mir erklärt: Wenn so viele junge Deutsche den Neonazismus wählen, um ihre Einstellung zum Leben und zur Gesellschaft auszudrücken, dann hat das nicht nur mit einer kritischen Wirtschaftslage zu tun, sondern auch mit dem moralischen Klima in ihrem Land.

Ach ja, ich sagte es schon: Etwas stimmt nicht in Deutschland. Wie erklärt man das Verhalten mancher Rostocker, die den Skinheads applaudierten, als die ihre Opfer terrorisierten? Wie rechtfertigt man die Abwesenheit Bundeskanzler Kohls, als andere Politiker nach dem Anschlag auf die Gedenkstätte in Sachsenhausen dort demonstrativ der Naziopfer gedachten?