Some are born to preach God’s word and some are born to kill (Dave Alvin, „Andersonville“)

Einer lag im Märchenbrunnen. Einer war über die Parkbank gebreitet, dem fehlte der Kopf. Einer steckte am Missionshof auf dem eisernen Zaun. Einer hing am Durchgang zur Höchsten Straße, nahe dem Spielplatz. Als sie morgens zum Kindergarten trabten, Hänsel und Gretel, Gerda und Kai, da hub unter den Kleinen ein großes Rätselraten an: Wessen Papa hängt denn da?

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Doch hätte sich’s so abgespielt im Herbst 89, ich könnte hier nicht bleiben. ER aber wäre jauchzend den Lynchbrüdern in die Arme geeilt, ja (dürfen wir neuerdings hoffen): ER hätte selbst das lange Messer blitzen lassen im Stahlgewitter des Zorns. Schwert her! Gelobt sei, was hart macht! O du gerechtete Schreibtisch-Erektion: viel Feind, viel Bier, viel Ehr, viel Blut. So oder so – die Erde wird rot, vom Saft der Stasi-Schweine.

Wer Menschen Schwein nennt, will auch schlachten, sprach vor drei Jahren der Praeceptor Germaniae, der bei seinen lieben Ossis längst unser lieber Wölfi heißt. Er kam nach Ostberlin zu einem Konzert alter DDR-Barden, die man ins Westexil getrieben hatte. Bettina Wegner verströmte störrische Rührung, Stephan Krawczyk Rotz und Trotz und ER, Biermann, wahre Kaskaden revolutionärer Wasserkunst. Er sang von Gorbis Ermutigung, schwadronierte, träumte nicht enden könnend von Robert Havemann im Kirschbaum zu Grünheide, bis Eva-Maria Hagen aus der Kulisse rief: „Wolf, es reicht!“

Es reichte nicht, weder Biermann noch dem Publikum. Dreizehn Jahre war er fort gewesen, unvergessen und geliebt von allen, die in der DDR wider den Stachel lockten. Man tippte seine Texte ab. Man kopierte verrauschte Kassetten. Wolf Biermanns Kölner Konzert im Spätherbst 1976, per ARD über die Grenze gelangt, und der folgende Rauswurf des Sängers wurden unzähligen DDR-Geborenen ein Symbol, was von ihrem Staat zu halten sei. Nun, endlich, war ER wieder da, drosch die Klampfe, krächzte, schrie und tremolierte wie einst „in China hinter der Mauer“. Jetzt war die Mauer auf, stand aber noch. In Leipzig marschierten die Einheitsdeutschen. Keine Wiedervereinigung, beschwor Biermann, vor allem nicht wieder... Und: Raus aus dem Teufelskreis der Rache!

Das tut ihm heute bitter leid. Man glaubt, böse zu träumen, liest aber schlicht Biermann im letzten Text seines neuen Buches „Der Sturz des Dädalus“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch; Vorabdruck im Spiegel (Nr. 39/92): „Falls im Grauen des Morgengrauens, wenn die Diktatur gestürzt ist und das neue demokratische Recht noch nicht gilt, der Pöbel schreit: Hängt das Pack auf – dann gehöre ich zum Pöbel... Wer hängt die Aristokraten an die Laterne? ... So eine verbrecherische Triebabfuhr im Affekt mindert den gefährlichen Selbsthaß des demoralisierten Volkes.“

Herrlich! Man denke: Bruder Ostmensch (28), vierzig Jahre unter den roten Schweinen gelitten, trifft im Morgendämmer der Revolution auf einen seiner Bedrücker. Wie arg die Schuld des Luders, sieht man nicht genau; wie gesagt: Es dämmert erst. Da sich das Exopfer in Gesellschaft einigen Heldenvolks befindet, der Täter aber nicht, hängt der Lump alsbald am Ahornbaum. Auftritt Biermann: Umarmung. Dann schreiten sie heim, Seit’ an Seit’, dem Morgenrot entgegen, frühstücken, treten einer demokratischen Vereinigung bei und zeugen schleunigst Enkel, ihnen zu erzählen, wie dieses bessere Deutschland zustande kam. Und diese besseren Deutschen: durch Ausmerzung lebensunwerten Selbsthasses. Die Georgier, Armenier und Aserbeidschaner, die Serben und Kroaten, die Rumänen haben es vorgemacht und sind heute stolze, freie Völker.