Von Dietmar H. Lamparter

Noch streiten sich Politiker und Verbandsfunktionäre, ob die westdeutsche Wirtschaft noch im Abschwung oder schon in einer echten Rezession steckt. Die Nachrichten aus der Industrie allerdings sprechen längst eine eindeutige Sprache: Im Hamburg kündigt Philips für seine Chipproduktion Kurzarbeit an; Alcatel-Kabel in Hannover will 1000 und Siemens-Nixdorf in Paderborn 6000 Stellen einsparen. Bei den Stahlkochern in Nordrhein-Westfalen stehen 15 000 bis 20 000 Arbeitsplätze auf der Kippe.

Spitzenreiter bei den schlechten Nachrichten ist allerdings der Süden der Republik. Rund 10 000 Industriearbeitsplätze sollen in diesem Jahr allein in der High-Tech-Region München verschwinden. Neben Konzernen wie BMW, Siemens und Digital Equipment sind auch kleinere Unternehmen wie der Eisenbahnzulieferer Knorr-Bremse mit von der Partie. Beim Nachbarn in Baden-Württemberg melden mittelständische Maschinenbauer reihenweise Kurzarbeit und Entlassungen an; und die gesamte Industrieprominenz von Bosch über IBM bis Mercedes-Benz und Porsche ist eifrig dabei, ihre Stellenpläne zusammenzustreichen.

Schon in jüngster Zeit hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt spürbar verschlechtert. Nachdem die Bundesanstalt für Arbeit in den vergangenen Jahren sinkende Arbeitslosenzahlen registrieren konnte, geht es in diesem Jahr wieder deutlich nach oben. Im September zählten die Arbeitsämter der alten Bundesländer und Westberlin 1,86 Millionen Frauen und Männer ohne Job – 194 000 mehr als im selben Monat des Vorjahres;

Zwar stieg die Zahl der Arbeitsplätze per Saldo in Westdeutschland noch immer leicht, aber zu langsam, um alle neuen Arbeitskräfte aufnehmen zu können. Monat für Monat siedeln 15 000 Ostdeutsche in den Westen über. Dazu kommen Aussiedler, Asylbewerber und illegale Einwanderer – alle auf der Suche nach Lohn und Arbeit. Rund 450 000 Pendler fahren jeden Wochentag aus den neuen Bundesländern über die ehemalige Grenze.

Dabei gibt es derzeit in Westdeutschland die Rekordsumme von 29,4 Millionen Arbeitsplätzen, 2,3 Millionen mehr als vor fünf Jahren. Da die Wirtschaft in dieser Zeit jedoch ein gewaltiges Potential zusätzlicher Arbeitskräfte aus den Zuwanderungen aufnahm, sank die Zahl der Arbeitslosen seit 1985 lediglich um 400 000.

Doch für die kommenden Monate besteht wenig Aussicht auf einen weiteren Beschäftigungszuwachs. Zu viele Faktoren sprechen dagegen: Zur Konjunkturschwäche bei den Investitionsgütern. kommt das schlechte Konsumklima. Zudem bewirkt der Strukturwandel in zentralen Industriezweigen eine "Erosion von Arbeitsplätzen", wie Siemens-Chef Heinrich von Pierer beobachtet hat.