Nichts gegen den Fortschritt. Aber der New Yorker – mußte das sein? Jede Woche traf er bei mir ein, eine Zeitlang umweltbewußt im braunen Papiermäntelchen, dann im Plastikgewand. Ich begrüßte ihn meist mit einem Gähnen, zog ihm die Kleider aus und warf ihn auf einen Stapel anderer New Yorker, die darauf warteten, irgendwann gelesen zu werden. Denn den New Yorker konnte man nicht einfach so zwischen zwei U-Bahn-Stopps lesen – der New Yorker erforderte totales Engagement.

Klappte man seine herrlichen Titelbilder auf – das einzig Bunte, das diese sonst puristisch schwarzweiße Zeitschrift sich gönnte –, betrat man eine Art New Yorker-Land, wo alle Uhren langsamer ticken, wo Autoren dreißig Seiten über den Bau eines Kanus aus Birkenrinde verlieren dürfen, wo Gedichte niemals aufhören müssen und wo das Wort Langeweile kein Kriterium war: Der New Yorker war nicht darauf aus zu unterhalten.

Was er eigentlich wollte, war nicht so ohne weiteres klar, denn manchmal war er dünn und uninspiriert wie eine Kraft-Käsescheibe, dann wieder informierte er brillant und intensiv, und man hatte das glückliche Gefühl, bei einem Sherry mit einem gescheiten Gegenüber zu plaudern und dabei privilegierte Informationen zu erhalten. Ob er nun gerade gut oder eher fad geraten war – in jedem Fall schien der New Yorker sich einen Teufel um das zu kehren, was hier so schön the bottom line heißt – nämlich Anzeigengeschäfte und verkaufte Exemplare.

Heute früh kam der neue New Yorker bei mir an. Der erste unter der Ägide von Tina Brown – ehemals Chefin bei Vanity Fair – und daher allenthalben ungeduldig erwartet. Dick wie ein Telephonbuch klatscht er auf meinen Schreibtisch – dick und merkwürdig steif. Ich untersuche sein rigides Rückgrat und reiße erst mal zwölf Seiten American-Express-Gesülze auf Glanzpapier heraus. Schon besser, aber warum riecht das Ding so merkwürdig? Aha! Eine Pärfumreklame von Chloé – mit penetrantem Duftstoff getränkt. Gleich in den Papierkorb. Dazu noch seitenweise Ralph-Lauren-Werbung. Vier eingefalzte Postkarten, auf denen der New Yorker für sich und andere Condé-Nast-Produkte wirbt. Alles in allem zwanzig Seiten Ramsch landen im Papierkorb. Der lnhaltskasten ist verschwunden. Statt dessen grüßt mich eine Seite mit fetten Ankündigungen der Artikel unter dick gedruckten Rubriken. Talk of the Town – Gott sei Dank noch da. Fiction, Poems, eine neue Rubrik: The Critics. Vorbei ist es mit der schnodderigen Attitüde des alten New Yorker, der dem Leser gerade mal ein paar Seitenzahlen neben den Rubriken entgegenwarf: Dies hier ist eine Verkaufsattacke, ein Werben um des Lesers Gunst, besonders bei den längeren Artikeln, die, o Schreck!, auch noch kurz paraphrasiert daherkommen. New Yorker-Leser brauchten so etwas bisher nicht. New Yorker-Leser waren willens, sich auf das Abenteuer des Lesens auch ohne solche Lockspeisen einzulassen. Auf Seite 10 erscheint eine Illustration in Farbe. Ist denn nichts mehr heilig? Ein Sakrileg, nach dem ich nun auf alles gefaßt bin. Kaum noch aufregen können mich die ganzseitigen Anzeigen von halbnackten Pärchen, die für Jeans werben. Oder das seichte Gesäusel in Talk of the Town über den spanischen Filmemacher Pedro Almodóvar, geschrieben in der atemlos-trendigen Yuppie-Prosa, die Zeitschriften wie New York Magazine auszeichnet.

Was folgt, ist zu meiner Überraschung gar nicht so schlecht. Ein Robert-Hughes-Essay über Atlantas olympisches Maskottchen – wie immer brillant. Ein paar gute längere Reportagen. Eine davon, über einen Mann, der angeblich Dan Quayles Marihuana-Dealer war, kann es an detaillierter Langatmigkeit mit dem alten New Yorker aufnehmen. Die Cartoons sind immer noch köstlich. Und John Updike ist – allerdings ganz hinten – auch noch im Heft zu finden.

Was ist los mit dem New Yorker? Gar nichts, außer der Tatsache, daß er zusehends weniger er selbst und mehr wie die anderen wird. Der New Yorker ist dabei, in dem großen Homogenisierungsprozeß, der die gesamte Print-Presse beim Wickel hat, seine Seele zu verlieren. Sein Ton ist schriller geworden – wie ein aufgeregtes Hündchen kläfft er um Aufmerksamkeit. Er macht kein Hehl daraus: Sein Eigentümer, der Verleger Si Newhouse, verlangt, daß er Geld verdient. So zeigt er seine Tricks, ist gefälliger, jünger und bemühter als früher. Er will unterhalten. Er will glitzern. Mehr und mehr Farbe wird sich in seine Seiten einschleichen, mehr und mehr Worte wie cocooning, mehr und mehr Personality-Stories. Wahrscheinlich ist ein solcher New Yorker ein wahrheitsgetreueres Abbild der New Yorker Gegenwart als das alte Heft, das viele als „vornehmes, viktorianisches Gebilde“ empfanden, „das Stimmungsmusik für die obere Mittelklasse absonderte“, wie die New York Times schreibt.

Mag ja sein. Aber schön war sie doch ...

Vera Graaf