Von Georges Waser

Settignano, am frühen Nachmittag. Beim Essen mit Freunden ist das Gespräch auf ein Gemälde im Louvre gekommen. Auf diejenige vielmehr, die dazu Modell gesessen. Die Freunde, Herausgeber einer Monatszeitschrift, interessiert ein gewisser Gian Giacomo Caprotti di Oreno: ein Mann – besser bekannt als Salai –, der im Januar 1524 während der Belagerung Mailands durch die Franzosen erschossen wurde. Und den sein Meister einst als „ladro, bugiardo, ostinato, ghiotto“ beschrieben hatte – alles keine Komplimente! Der Meister hieß Leonardo da Vinci – Salai war im Alter von zehn Jahren, am 22. Juli 1490 genau, als Gehilfe in Leonardos Dienste getreten.

Auf der Straße nach Vignamaggio. Was heißt: unterwegs in die Villa, die der Familie von Monna Lisa Gherardini gehört hatte. Den Vorfahren von Leonardos Gioconda – wie es jedenfalls im 16. Jahrhundert Vasari wissen wollte. „Prese Lionardo“, schrieb dieser, indem er auf die Zeit nach des besagten Malers Rückkehr nach Florenz im Jahr 1500 hinwies, „a fare per Francesco del Giocondo il ritratto di mona Lisa sua moglie“, ein Portrait der Gemahlin anzufertigen. Doch da waren stets jene, die argumentierten, daß Vasaris These nur vom Hörensagen kam; wie auch sonst hätte er die Augenbrauen der Portraitierten kommentieren können, wo doch aus dem Bild im Louvre ein augenbrauenloses Antlitz lächle? In der Tat hatte Leonardos Mona Lisa, wie es ein Bericht in der Biblioteca Vaticana bezeugt, schon im frühen 17. Jahrhundert keine Augenbrauen gehabt. Noch früher aber schon, sagten beim Mittagessen die Freunde, sei in zwei länglichen Stellen über den Augen die Hand eines Restaurierers erkennbar; also habe Vasari in seinen Lebensbeschreibungen italienischer Künstler nicht fabuliert.

Als von weitem die Villa in Sicht kommt, kommt auch die Erinnerung an einen früheren Besuch. Damals – vor rund einem Jahr – waren eben erst die Ergebnisse einer amerikanischen Computeranalyse bekannt geworden. Diese, ein Vergleich zwischen dem Bild im Louvre und Leonardos Selbstportrait in der Biblioteca Reale von Torino, sollte den Beweis liefern dafür, daß Mona Lisa niemand anders war als – mit weiblichen Gesichtszügen ausgestattet – der Maler selbst. Völliger Unsinn? Auch war damals die Rede von einer verblüffenden Ähnlichkeit Mona Lisas mit Isabella d’Aragona, mit der Antonio Boltraffio zugeschriebenen „Dama in rosso“. Worauf ein Gast in der Villa auf Venturi verwies, der, indem ihm dafür einige 1520 von Enea Irpino veröffentlichte Sonette genügten, Costanza d’Avalos, und zwar um das Jahr 1505, als Modell vorschlug. Eine zur besagten Zeit Fünfundvierzigjährige.

Vignamaggio, im Garten. Der Hausherr sei abwesend. Aber der Schweizer Journalist und die italienische Historikerin kennen sich hier aus, schlendern also frei umher. Beim Blick auf die Villa fallen ihnen die Worte eines früheren Schreibers ein: Dieser prächtige Bau mit seinen kolossalen Ausmaßen, schwärmte Corazzini, sei Anfang des 15. Jahrhunderts ein palagetto gewesen – ein Palagetto, der von den Gherardini an die Gherardi ging und den dann die letzteren ungefähr hundert Jahre später eben in den gegenwärtigen, das Land unter dem Monte di Lämole dominierenden Palazzo umwandeln ließen. Die Auskunft bringt die im Garten Spazierenden schließlich zurück auf ihr Argument: Monna Lisa, Tochter des Anton Maria di Noldo Gherardini, wurde 1479 geboren; 1495 heiratete sie Francesco di Bartolommeo di Zanobi del Giocondo.

Doch eben, von Salai war beim Mittagessen die Rede. Als dieser 1524, fünf Jahre nach Leonardo gestorben war, stritten sich seine Schwestern Angelina und Lorenziola um den Nachlaß. Das Inventar, das von Salaìs Habe erstellt wurde, ist neulich in Mailand zum Vorschein gekommen und darauf im Burlington Magazine veröffentlicht worden. Unter anderem sind darin einige Bilder angeführt: so eine Leda, eine heilige Anna... und ein Gemälde „dicto la Joconda“. Von Salai gemalte Werke? Kaum. Im Vergleich zu anderen Bildern im Inventar ist ihr Wert so hoch – zwischen 505 und 1010 Lire – daß die Hand eines Meisters angenommen werden muß. Nun, Salai hatte Leonardo 1517 nach Frankreich begleitet – und wenn auch die erhalten gebliebenen Dokumente nichts über seine Präsenz beim Tode des Meisters im Schlößchen Cloux aussagen, ist es leicht denkbar, daß Bilder Leonardos in seinen Besitz kamen. Was eben endgültig heißen würde, daß Vasari recht hatte. Daß also Leonardo tatsächlich Monna Lisa Gherardini, Gattin des Francesco del Giocondo, malte. Damit, so meinten die Freunde in Settignano, stünden auch endgültig die ersten Jahre des Cinquecento als Entstehungsdatum für das Bild fest. Wie es ja auch Raffaels verwandte, um 1505 entstandene Zeichnung einer Frau im Louvre annehmen ließe. Als die Besucher dem Garten von Vignamaggio den Rücken kehren, erinnern sie sich gegenseitig an die dunkle Kleidung der Frau in Leonardos Bild – daran auch, daß Monna Lisa Gherardini im Juni 1499 eine Tochter verlor.

Montagliari, bei Sonnenuntergang. Hier hatte ursprünglich die Burg der Gherardini gestanden. Und von hier hatten diese die umliegenden Flußtäler unsicher gemacht; sollen sie solche, die Getreide nach Florenz brachten, überfallen und ihren Eseln sowie Maultieren die Füße abgeschnitten haben. Schließlich, im September 1302, hatten die Florentiner genug – auf die Belagerung folgte die Schleifung der Feste Montagliari. Übrigens: Von hier über Rebhänge hinweg, ist der Blick auf Vignamaggio besonders schön – und aus Vignamaggio sollen die einstigen Herren von Montagliari, wie in seinen „Memorie“ Niccolö Gherardini schrieb, die übrigen Geschlechter in der Gegend bald weiter belästigt haben.