Das Thema der Buchmesse: wieder einmal nicht die Buchmesse. Nicht die kühnen neuen Romane, die verwegenen, geheimnisvollen Gedichte. Das Thema der Messe: wieder und noch einmal die Akten, gefunden in den abgründigen Aktenschränken der Gauck-Behörde. Der Schrank ist fruchtbar noch. Aber die „Akte Kant“, ein Jahr nach der „Akte Anderson“ vom Spiegel entdeckt, ist keine Sensation.

Die Stasi-Karriere des Hermann Kant, DDR-Schriftstellerverbandspräsident und Parteimitglied bis zur letzten Stunde, soll nach den Informationen des Hamburger Nachrichtenblattes „an einem grauen Novembertag des Jahres 1958“ begonnen, im sonnigen Juni 1976 mit der „Medaille der Waffenbrüderschaft in Silber“ ihren Höhepunkt gefunden und im selben Jahr geendet haben – nachdem Kant in die Bezirksleitung der Berliner SED aufrückte. Eine schriftliche Einverständniserklärung wurde dem Genossen nie abverlangt. Das ist alles. Wenig erstaunlich, wenig bewegend.

Der Spiegel zitiert aus den Berichten Kants. In den sechziger Jahren soll er die Namen der Angestellten der Werksbibliothek von Bayer Leverkusen und die Stammkneipe des Autors Grass an die Stasi verraten haben. In den siebziger Jahren habe er sich mit der Stasi in konspirativen Wohnungen namens „Casino“ oder „Serenade“ getroffen und Briefe Stefan Heyms weitergegeben. In der Hauptsache zitiert der Artikel die Lobeshymnen der Stasi-Offiziere auf ihren braven Informanten: „Der IMS äußerte sich dazu in der Form, daß er der Meinung sei.. ., das MfS sei seiner Meinung nach ein Teil der Partei, und demzufolge sei es seine Pflicht, auch das MfS zu unterrichten.“ Das sitzt.

Und so spricht Hermann Kant noch heute. Der Enthüllungsartikel, so Kant gegenüber der ZEIT, sei zwar eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Dennoch räumt er ein, sich mit der Stasi in konspirativen Wohnungen („vielleicht einmal“) getroffen zu haben: „Das war ganz einfach. Dann hieß es, nö, ich komm’ da nicht extra rein. Treffen wir uns eben da und da.“ Briefe von Heym will er der Stasi zwar nicht übergeben, aber mit dem „einen, den ich damals bekommen habe“, überall geprahlt haben. „Kraft meiner Funktion“, frohlockt Kant noch heute, „war ich ein Gesprächspartner. Das war eine vitale Angelegenheit.“ Die Unterschiede zwischen einem SED-Schriftstellerverbandspräsidenten und einem SED-Schriftstellerverbandspräsidenten-Spitzel sind für den Laien nicht mehr auszumachen.

Was also hat den vitalen Dichter davon abgehalten, nicht nur für die staatliche Dichtung, sondern auch für den Staatssicherheitsdienst zu arbeiten? „Nichts“. Das Ministerium für Staatssicherheit war für den Autor nur ein „Teil einer Gesamtmaschine“. Wer IM und wer Dichter war, sei nur „eine Frage der Arbeitsteilung, nicht der Moral“ gewesen. Beide, Dichter und Stasi, waren Mitglieder der moralischen Anstalt DDR. Wenn Kant heute bestreitet, ihr untertäniger IM gewesen zu sein, hat das keine Bedeutung. Nur „der Bammel“, die Angst, sich in seiner Mehrzweckrolle als Schriftsteller, Journalist und Spitzel selber zu schaden, habe ihn daran gehindert, einer förmlichen Verpflichtung zuzustimmen. Aber auch die neueste Enthüllung ist keine Enthüllung. IM Kant, der servile Arbeiter an der Gesamtmaschine, kann niemanden mehr überraschen. Seine Lügen und seine Wahrheiten – alles eins.

So besteht Kant auch lediglich in Detailfragen auf Korrekturen. Die Grasssche Stammkneipe will er nie gekannt haben; das ominöse Telegramm an Kulturminister Höpcke nach der Ausbürgerung Biermanns soll nicht Zustimmung, sondern „eine für unsere Verhältnisse scharfe Rüge“ ausgedrückt haben. Kant will zu Höpckes Artikel über Biermann nicht telegraphiert haben: „Vermisse erstaunt das Wort Pinscher“, sondern: „Vermisse nur noch das Wort Pinscher.“ Über alles weitere schreibt Kant demnächst ein Buch, dem wir erstaunlicherweise nur noch mit geringer Neugier entgegenfiebern. Im Anfang war die Stasi-Debatte ein heilsamer Schrecken. Jetzt ist sie ein schrecklicher Mief. Iris Radisch