Amos Oz, israelischer Schriftsteller, Literaturprofessor aus der Negev-Wüste, hat eine Rede gehalten – in der Paulskirche, als er am vorletzten Tag der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. „Vor einigen Jahren“, sagte er, „sah ich in Wien eine Straßendemonstration von Umweltschützern, die gegen wissenschaftliche Experimente an Meerschweinchen protestierten.“ Und einige der Demonstranten hätten ausgesehen, „als seien sie letztlich fähig, Geiseln zu erschießen, um den Leiden der Meerschweinchen ein Ende zu bereiten“. Für Oz sind nicht alle gut, die Gutes wollen. „Das Böse“, sagt er, „– es lauert im Inneren, manchmal listigerweise hinter der Maske der Hingabe oder des Idealismus.“

Amos Oz, Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung und Panzersoldat in zwei Kriegen, war während des Golfkrieges der schärfste Kritiker der deutschen Pazifisten. Er will die Auseinandersetzung, aber er will sie nicht im Schutz heiliger, unangreifbarer Begriffe. Er will das echte Gespräch, den realistischen Kompromiß, notfalls den Krieg. „Ich werde“, sagt Oz, „kämpfen, wenn irgend jemand versucht, mich zum Sklaven zu machen.“ Aber niemals werde er für „mehr Raum“ kämpfen, für Ressourcen oder den „trügerischen Begriff nationale Interessen’“. Sprachs, und wurde in der Mitte der Präsidenten von Bund, Bundestag und Hessenland und allerlei anderen Prominenzen aus dem Saal geleitet. Fast sah es aus, als hätten die Honoratioren Amos Oz entführt ins Reich des Politischen – wo man redet, um nicht miteinander sprechen zu müssen. Aber am Abend ist der Preisträger dann im Ersten Deutschen Fernsehen wiederaufgetaucht.

Engagement hat Amos Oz in seiner Rede von uns gefordert und verlangt, daß wir die Auseinandersetzung mit den Rechtsradikalen führen und unser Land auf der Straße „gegen sich selbst verteidigen“. Engagement! Wie kam es nur, daß die engagierten deutschen Intellektuellen, die man auf der Buchmesse beobachten konnte, so müde wirkten? Der Kapitalismus sei müde und ganz klar auf dem absteigenden Ast, verkündete Günter Grass, als er sich im Lesezelt primadonnenhaft unwirsch für den alten DDR-Verlag Volk und Welt engagierte. Und wirkte selbst nicht viel wacher dabei. Man sei es sich schuldig, Volk und Welt zu erhalten, erklärte Grass, wenn man den Anspruch habe – hier suchte er kurz nach dem passenden Wort – „eine Kulturnation zu sein“. Sprachs, ließ das Donnerwort noch ein wenig nachhallen und verschwand auf eine Pressekonferenz, um dem Fernsehen einen Frankfurter Prominentenaufruf gegen die Ausländerfeindlichkeit vorzustellen. Eine Unterschriftensammlung!

Ein Graben ging durch diese Messe – genauer: durch die Ausstellungsebene 3.0. In der Mitte der Halle gab es eine Samisdat-Ausstellung zu sehen, Dokumente aus der Untergrundkultur des Ostblocks. Durch die Abteilung Rock-Samisdat führte Alexander Kushnir. Er ist 31 Jahre alt, Mathematiklehrer, und lebt mit seiner Frau, seiner Tochter und seiner großen, privaten Samisdat-Sammlung in einem einzigen Zimmer in Moskau. Für die Ausstellung auf der Buchmesse hat er seine Sammlung in zwei große Koffer gepackt. Er ist in einer russischen Militärmaschine nach Deutschland gekommen, mit dem Zug nach Frankfurt. Zu Fuß hat er seine beiden Koffer vom Hauptbahnhof zur Messe getragen – und vor Erleichterung fast geweint, als er endlich angekommen war. Mit Tesafilm hat er die Schätze seiner Sammlung an ein paar kahle Stellwände geklebt. Und jedem, der fragt, erzählt er mit leuchtenden Augen die Geschichte der sowjetischen Rock-Bewegung, angefangen mit der Gründung der Gruppe „Aquarium“ in Leningrad, Ende der siebziger Jahre. In Moskau gibt er selbst eine Zeitschrift heraus und schreibt an einem Buch. Nur wie er wieder nach Hause kommen soll, das weiß er noch nicht so genau.

Ganz vorn im Erdgeschoß der Halle 3 findet sich der „Ost/West Treffpunkt“, großzügig gefördert vom Auswärtigen Amt, der Stadt Frankfurt und der Messe-GmbH (und die Samisdat-Ausstellung gehört auch dazu, eigentlich). Auf kobaltblauem Teppich, kunstvoll beleuchtet, diskutierte hier, ganz vorn in der Halle, am Freitag zum Beispiel ein Häufchen ost- und mitteleuropäischer Autoren über „Melancholie und Ironie als literarische Formen des Widerstandes“. „Sind Sie“, fragte der Moderator Werner Söllner (Bad Soden) Laszlo Földenyi aus Budapest, „Melancholiker?“ Pavel Kohout (Prag) mußte gestehen, daß er mit solchen Fragen nichts anfangen konnte. Mihkel Mutt (Tallin) fand, daß „der Schriftsteller schreibt, wie er schreibt“, worauf Werner Söllner folgerte, daß es drei Formen der Melancholie gäbe: die osteuropäische, die westeuropäische und die portugiesische.

Dieses Diskussionsforum stellte die westliche Hälfte des „Ost/West Treffpunktes“ dar: verschwendete Zeit auf Stahlrohrsesseln. Fassungslos lächelnd mußten die geladenen Dichter erleben, wie ihre Melancholie und ihr Widerstand in einem Diskurs über Nichts verschwanden. Die Organisatoren der Samisdat-Ausstellung auf der anderen Seite des Grabens dagegen, in der Osthälfte der Halle, hat die Messe mit keinem Pfennig unterstützt. Und so blieb einigen der Aussteller schon nach ein paar Tagen nichts übrig als abzureisen. Sie hatten kein Geld mehr, um ihre Hotels zu bezahlen – geschweige denn, sich etwas zu essen zu kaufen. Den Ausstellungsstand aber hat die Frankfurter Buchmesse ihnen großzügig zur Verfügung gestellt. Immerhin.

Am Stand des Bertelsmann Clubs: 15 Uhr Dieter Kürten, 16 Uhr Eugen Drewermann. Im „Raum Consens“ um 16 Uhr: Buchvorstellung „Kriegsverbrechen der Amerikaner und ihrer Vasallen gegen den Irak“. Am Stand des Bundspecht-Vertriebs, reich bebildert: „Liebesrausch mit ätherischen Ölen“. Es ist Herbst. Wer jetzt noch keinen Bildband „Schönes Deutschland“ im Programm hat, keinen Ratgeber „Macht über sich selbst“ und kein Spinnen-Bestimmungsbuch, der wird im Winter bitterlich frieren. Währenddessen wachsen die Flüchtlingsströme: In Strömen fliehen die Bücher vor ihrem Buchsein ans rettende Ufer einer neuen Welt voll digitalisierter Erlebnislandschaften und tönender Lexika auf silbernen Speicherscheiben.